Erinnerungen an mein Auto ab 1956

Erinnerungen an und Erlebnisse mit meinem Auto 1956-64

Von Heinrich Knoche (Bad Westernkotten)

Nachdem ich schon einige Jahre mit meinem Motorrad, einer 98er Miele, mit Teleskop-Federung und Kick-Starter, begrenzt mobil war, bekam ich im Juni 1956, nach einer Lieferzeit von sechs Monaten, meinen ersten diamantgrünen Volkswagen „Export-Käfer“, welcher schon mit Radio und Blumenvase(!) am Armaturenbrett ausgestattet war, der bei der Firma Rudat in Lippstadt 4600 DM kostete. Beschäftigt war ich in der Montage- und Inbetriebnahmeabteilung einer großen Neubeckumer Firma, die weltweit Maschinen und komplette Fabriken der Kalk-, Zement- und Dolomit-Industrie baute.

Frankreich

Entfernte Reiseziele wurden weiterhin mit dem Flugzeug, Schiff oder auch noch mit der Eisenbahn angesteuert. Meine erste Reise mit dem Käfer ging nach Frankreich, zum Zementwerk St.Pierre La Cour, und nach Belgien zum Werk Gaurain-Ramecroix. Im Ersten Weltkrieg war der Bruder meiner Mutter, Pionier Heinrich Koch, 1. Pionier-Regiment 24, in der Nähe von Ypern gefallen – ich konnte seiner und der anderen Gefallenen an seiner Ruhestätte gedenken.

Der zweite Bruder, Josef Koch, fiel am 6. April 1915 in Corbeny in der Nähe von Reims, auch an seinem Grab konnte ich als erster aus meiner Familie einen Blumengruß ablegen.

Beeindruckend auf der Weiterfahrt nach Paris waren die vielen Mahnmale und Erinnerungszeichen an den Ersten Weltkrieg 1914-1918, die überall in den Ortschaften und an den Straßen standen. In Parisnähe, in St. Pierre La Chur, war ich für einige Wochen eingesetzt, so dass ich mir an den freien Tagen die Sehenswürdigkeiten der französischen Hauptstadt ansehen konnte. Ein Erlebnis war dort, ausgiebig die feinen französischen Delikatessen und den Rotwein zu genießen. Ein normales Mittagessen bestand immer aus mehreren Gängen und dauerte meist über zwei Stunden.

Nachdem die Inbetriebnahme im Zementwerk erfolgt war und das Fahren im eigenen Auto so viel Spaß machte, reiste ich weiter über Rennes bis in die Normandie nach Le Havre und Caen, wo 1914 die Invasion stattfand. Schnell beschaffte ich mir einen Reserve-Kanister Benzin, der beim Käfer erforderlich war, weil kein Tankfüllungs-Anzeiger vorhanden war. Nach stundenlangem Fahren auf der Autobahn stotterte plötzlich der Motor, schnell musste man auf Reserve umschalten, das geschah mit dem rechten Fuß, denn der Umschalthebel war unten im Fußraum angebracht. Die Rückfahrt nahm ich über Tours, Orléans, durch die Vogesen, Colmar, Grenzübergang Karlsruhe.

England

Nach kurzer Zeit zu Hause war mein nächster Einsatz bei der Fa. Cement-Manufactures London, Werk Cauldon. Die Fahrt ging über Nijmwegen, Rotterdam, mit der Autofähre von Hoeck van Holland nach Harwich, dann an Cambridge vorbei, nach Ahsbourne in Derbyshire. In dem landschaftlich sehr schön gelegenen Hotel „Peveril of Peak“ wohnte ich nun, später war bei der 1966 stattfindenden Fußballweltmeisterschaft die deutsche Nationalelf in diesem Hotel untergebracht. Die Zementfabrik war etwa 15 km von hier entfernt. Den Weg machte ich täglich mit dem Auto. Gegessen wurde in der Werkskantine. Dort sprach mich eine Bedienung an, dass ihr Chef gut deutsch spreche und mich mal kennen lernen möchte. Wir trafen uns, er fragte, aus welcher Gegend Deutschlands ich käme. Ich erwiderte Westfalen. Darauf er, da habe ich einige Jahre gedient und zwar in Lippstadt in den Churchill Barracks. Da sagte ich ihm, dass ich in Westernkotten zu Hause wäre. „Mensch“, erwiderte er, „dann kennst du bestimmt den Gasthof Besting.“ Diese Überraschung machte uns beide für einen Moment sprachlos. Nun stellte sich heraus, dass Bill, so war sein Name, oftmals in dieser Wirtschaft nach dem Fußballspielen getrunken und gefeiert hatte, zusammen mit unserer Mannschaft und seinen englischen Freunden, von denen drei für den SuS Westernkotten spielberechtigt waren und mehrere Jahre gespielt hatten. Nach diesem Zufallstreffen waren wir befreundet. In der Kantine war ich ab sofort sein Gast, und er war ein guter Fremdenführer. Ich besuchte London, Ascott, Manchester, Oxford und mehr.

Portugal

Nachdem ich nun einige Monate auf Baustellen in Deutschland, Österreich und Holland beschäftigt war, wurde ich nach Portugal zum Werk Portugesa Brancos Lissabon zur Inbetriebnahme einer Drehofen-Anlage geschickt. Da es eilte, flog ich mit der Lufthansa nach Lissabon. Da aber die Verdrahtung der elektrischen Anlage wegen noch fehlender Teile der Fa. Siemens, Brüssel, erst in zwei Wochen fertig sein sollte, gab es für uns Freizeit. Die Firma stellte uns einen Jeep einschließlich Tankfreischein zur Verfügung, und wir konnten in aller Ruhe ausgedehnte Besichtigungen vornehmen oder auch faulenzen. Eine Reise machten wir zum Marienwallfahrtsort Fatima. Der Weg dorthin führt über den Fischerort Nazare. Dort ging es einige Stunden nicht weiter, weil mehrere Straßen vorübergehend abgesperrt waren. Der Grund war, dass die englische Königin Elizabeth II. einen Landgang unternahm. Ihre Yacht „Britannia“ ankerte vor Nazare. Dieser schöne Fischerort war eine Station ihrer Urlaubsreise.

An einem Wochenende fuhren wir von Lissabon nach Spanien, nach Sevilla, weil dort ein Stierkampf stattfand. Sevilla war nur 150 km entfernt. Eintrittskarten waren fast ausverkauft, die Leute drängten sich auf den Rängen. Das Geschehen in der Arena war für mich doch gewöhnungsbedürftig. Für die Einheimischen ist es ein richtiges Volksfest. Alle sechs Stiere hatten einen Namen und endeten in der Arena. Nach dem Kampf konnte man vom Wunschstier gleich ein Steak kaufen und mitnehmen; sie waren schon zerlegt und portioniert. Wenn ein Stier nach dem Todesstoß zusammenbrach, lüftete der Torero die Kopfbedeckung, schritt vor die Tribünen und verbeugte sich. Die Leute brachen in tosenden Beifall aus. Viele Damen rissen ihren Schmuck und Halsketten ab und warfen sie dem Torero in den Sand zu! Der packte alles in seine Kopfbedeckung und ging.

Natürlich war man froh, wenn man nach längeren Auslandseinsätzen mal wieder nach Hause fliegen oder fahren konnte. Das bequemste Flugzeug war derzeit die von vier Turbo-Propeller-Motoren angetriebene Viscount, die bei allen größeren Fluggesellschaften eingesetzt war.

Belgien

Dezember 1962 fuhr ich mit meinem Käfer zu der großen Zementfabrik in Belgien, in der ich schon vor einem halben Jahr eingesetzt war. Zwei Drehöfen und vier Kohlenmühlen waren nun montiert und mussten in Betrieb genommen werden. Wir wohnten direkt in der Nähe des Werkes. Unsere Autos, mein VW, der Opel Olympia und der DKW 316 meiner Mitarbeiter, waren auf dem Parkplatz abgestellt. Es fing an zu schneien, tagelang, man konnte kein Auto mehr sehen, nur drei große Schneehügel. Nun trat auch noch starker Frost auf! Da das Weihnachtsfest kurz bevorstand, mussten wir uns einigen, wer von uns dreien den Dienst hier im Werk über Weihnachten übernehmen musste; denn es durfte nur einer nach Hause fahren, aber wer?

Wir trafen folgende Abmachung: Derjenige durfte nach dieser vierwöchigen Frostperiode nach Hause fahren, dessen Auto zuerst ansprang, der letzte musste bleiben.

Nachdem nun mit Wärmegeräten die Türen aufgetaut waren, ging es los. Jeder stieg in sein Auto. Ich pumpte das Gaspedal einige Male durch, drehte den Zündschlüssel und sofort sprang der Motor an! – Ein Auto musste abgeschleppt werden, weil die Batterie leer wurde. In all den Jahren hat mich mein VW Käfer nicht im Stich gelassen.

Italien

Im nächsten Jahre machte ich eine mehrere Wochen dauernde Inspektionsreise zu den italienischen Zementwerken Casale Monferato, Alessandria, zu den Buzzi-Werken Morano, Firenze, und Piazenza, zur Firma Ansaldo in Genua und Livorno. Und noch zur Firma Zillo in Este. Ich nahm die Autobahn Basel-Luzern-Andermatt. Dann fuhr ich über den Gotthardt-Pass nach Bellinzona. Dieses war der Grenzübergang nach Italien. Ohne Pause zog mich mein Wagen die vielen Serpentinenkurven nach oben. Viele Autos, die wassergekühlte Motoren hatten, standen auf den Ausweichplätzen, um die Motoren abzukühlen bzw. Wasser nachzufüllen. Da war doch der luftgekühlte VW-Motor absolut im Vorteil. Ich nahm mir die Zeit, einen Abstecher nach Venedig zu machen, und zwei Wochen später die Mailänder Scala ausgiebig zu besichtigen. Auf dieser Reise konnte ich es noch so einrichten, bis in die Ewige Stadt Rom zu fahren und mir dafür zwei Tage Zeit zu nehmen.

Marseille

Nun bekam ich von meiner Firma die Anordnung, nach Marseille zur Inbetriebnahme der Drehofenanlage „Ciments Portland de Marseille“, Werk „L’Estaque“, zu fahren. Nun lag eine längere Autofahrt vor mir. Ich nahm die Küstenautobahn Genua, Savona, Nizza nach Aix en Provence nördlich von Marseille. Diese war wohl die schönste Route, die ich bisher gefahren war. Immer mit Anblick des Mittelmeeres und auf die Fischer- und Urlaubsorte. Kleine Abstecher machte ich nach San Remo, Monaco und Cannes. Das Werk lag am nördlichen Stadtrand von Marseille, hoch oben in den Bergen. Man konnte von hier die Bucht und die Hafeneinfahrt von Marseille gut überblicken. Nachts ankerten die Schiffe, die gut beleuchtet waren, in der Bucht, denn die Einfahrt in den Hafen war nur bei Tageslicht möglich. Die beleuchteten Schiffe waren imposant anzublicken. Nach zwei Monaten war auch dieser Auftrag erledigt, und die Rückfahrt ging über die Fernautobahn Lyon, Dijon, Metz, Luxemburg und den Grenzübergang nach Trier.

Syrakus

Gerade zu Hause eingetroffen, wurde ich zum Werk di Augusta Megara, Syrakus/Sizilien, beordert, um dort eine Neuanlage in Betrieb zu nehmen. Diese Reise war mir doch etwas zu weit, deshalb blieb mein Käfer in der Garage. Da ich aber immer viel von der Welt sehen wollte, machte ich diese Reise mit der Deutschen Bundesbahn. Lippstadt-Syracusa, die Fahrkarte konnte mir in Lippstadt von dem Beamten erst nach Telefongesprächen ausgestellt werden, denn eine so weite Bahnreise hatte von hier noch niemand verlangt. Nach zwei Tagen und einer Nacht, im Kurswagen ab Wiesbaden, war man das Bahnfahren aber auch leid, obwohl man vieles zu sehen bekam. Der Zug lief über Basel-Luzern-Milano-Firenze-Rom, sechs Stunden Aufenthalt, dann ging es nur am Meer entlang über Napoli bis in die Stiefelspitze nach Reggio, nun mit der Fähre durch die Straße von Messina nach Catania zum Zielort Syracusa.

Die Insel zeigte sich in den schönsten Farben, denn die Mandelbäume und Apfelsinen-Plantage standen in voller Blüte. Im Hintergrund sah man die Rauchfahne des Ätna und der Ferienort Taormina war in der Nähe. In meiner freien Zeit machte ich oft Wanderungen aufs Land und in kleine Dörfer, weil mich die Lebensart der einfachen Bewohner besonders interessierte. Die alten griechischen Tempel und Bauwerke sah ich in den großen Städten Syracusa, Ragusa, Agrigento, Marsala und Palermo. Als nun die Zementanlage in Betrieb war, endete mein Sizilien-Aufenthalt, und zur Rückreise buchte ich das Flugzeug nach Düsseldorf.

Schweiz, Vierwaldstätter See

Die nächste Fahrt mit meinem VW-Käfer ging in die Schweiz zur Firma Hürlimann. Dieses Werk lag direkt am Vierwaldstätter See in Brunnen, direkt am Fuße des Bergmassives „Bürgenstock“. Der Ort Brunnen war damals der Urlaubsort des ersten deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer.

Bis 1964 machte ich noch verschiedene Reisen mit dem Volkswagen, der außer einem Blechschaden, den ich in Südtirol bei einem Auffahrunfall erlitten und repariert hatte, jetzt fast 200.000 km auf dem Tacho hatte. Sein Nachfolger war ein Opel Rekord, da nun ein Kofferraum benötigt wurde, weil sich meine Familie auch vergrößert hatte. Etwas später endete mein Außendienst und ich nahm eine stationäre Stellung in einem heimischen Zementwerk an. Auch der Nachfolgebesitzer meines verkauften Käfers war zufrieden und stolz auf den Wagen und hat ihn noch einige Jahre gefahren.

Bereiste Länder und Hauptstädte waren:

Schweden, Holland, Belgien – Brüssel, Luxemburg, Frankreich – Paris, England – London, Spanien – Madrid, Portugal – Lissabon, Monaco, Schweiz, Liechtenstein, Österreich – Wien, Italien – Rom, Sizilien, Jugoslawien, Ungarn – Budapest, später die DDR, Polen und Russland.

Der Favorit all dieser Länder war immer wieder Österreich. Noch heute zieht es mich jedes Jahr in den Ferien und zum Urlaub dort hin.