Flucht und Vertreibung (Chudaska)

[aus: Vertell mui watt 2007, Nr.322]

Flucht und Vertreibung – unser Weg nach Bad Westernkotten

von Gerhard Chudaska +, Eichendorffstraße

Im November 2005 veranstalteten die Heimatfreunde Bad Westernkotten eine Ausstellung unter dem Titel „Erinnern für die Zukunft“ mit vielen Dokumenten zu Flucht und Vertreibung sowie den Schicksalen deutscher Soldaten. In den folgenden Ausgaben von „Vertell mui watt“ sollen in unregelmäßiger Reihenfolge einige der dabei erstellten Texte zur Veröffentlichung kommen. Der nachfolgende Text basiert auf einem Gespräch mit Gerhard Chudaska +, das ich am 9.2. 2005 mit ihm geführt habe. Einige Ergänzungen stammend darüber hinaus von seinem Bruder Bernhard vom September 2005. W. Marcus

„Wir, das sind meine Eltern Gustav (*6.6.1910) und Martha Chudaska (*13.4.1911) mit den drei Kindern Gerd (*24.4.1938), Werner (*10.6.1939) und Bernhard (*24.10.1941), stammten aus der Nähe der Kreisstadt Ortelsburg in Ostpreußen. Mein Vater kam gegen Ende des Krieges als Soldat in amerikanische Kriegsgefangenschaft und meine Mutter und wir drei Jungen wurden durch die voranrückende Front und die dramatischen Kriegsereignisse nach Altenburg in Thüringen gespült.

Als mein Vater endlich aus der Gefangenschaft entlassen wurde, schlug er sich bis zu Verwandten nach Gelsenkirchen durch. Diese hatten schon Kontakt zu meiner Mutter in Altenburg  herstellen können, so dass mein Vater zumindest wusste, dass wir lebten.

Da mein Vater aus der Landwirtschaft kam – wir hatten einen eigenen Hof mit Pferdezucht – wollte er nicht im Bergbau arbeiten. Er hat sich vielmehr bei Leuten aus dem Ruhrgebiet nach Arbeit erkundigt, die sich auf dem Lande bei Verwandten etwas zu essen besorgt hatten, und eines Tages eine Landkarte der Umgebung genommen und gesagt: Ich fahre einfach da hin, wo es auf der Landkarte grün ist, da wird es wohl für mich Arbeit geben.

So gelangte er mit dem Zug nach Lippstadt. Auf der Suche nach Arbeit kam er nach Eikeloh, wo er bei dem Landwirt Arens Arbeit fand.

Für das Nachholen seiner Familie war aber eine wichtige Voraussetzung, dass man eine Wohnung nachweisen konnte, und die war in Eikeloh nicht zu bekommen.

Durch Vermittlung des Amtes Erwitte wurden ihm dann zwei Zimmer auf dem Domhof angeboten, und mein Vater hat sie gern genommen, zumal er auch auf dem Domhof Arbeit in der Landwirtschaft bekam. Damit waren auch die Voraussetzungen gegeben, dass wir nachkommen konnten.

Was war das eine Freude, als wir uns nach Jahren der Trennung dann kurz nach der Währungsreform 1948 wieder am Lippstädter Bahnhof in den Armen lagen…!

Unsere zwei Zimmer auf dem Domhof befanden sich links unten im Haupthaus. Der Domhof war für uns der Himmel auf Erden! Die Familie Schulte war sehr zuvorkommend, und die alte Dame sagte nicht selten: ‚Dass die drei Chudaska-Jungens aber genug zu essen kriegen.‘ So konnten wir das Zusammensein in der Familie uneingeschränkt genießen.

Ich erinnere mich natürlich auch noch an die Schulzeit in Westernkotten. Zunächst bin ich die etwa 5 Kilometer zur Schule zu Fuß gegangen, aber schon bald hatten wir Kinder aus vielen alten kaputten Fahrrädern ein Neues zusammengebaut, und dann haben wir besonders die lange Abfahrt vom Domhof runter ins Dorf genossen.

Mein Vater fand später Arbeit auf dem Zementwerk. Wir blieben auf dem Domhof bis September 1954. Dann war unser neues Haus in der Fredegrassiedlung in der Eichendorffstraße fertig, und wir hatten wieder ein eigenes Dach über dem Kopf.“