Kriegserinnerungen (H.Knoche)

Krieg, Kriegsende und erst Nachkriegswochen in Westernkotten

Von Heinrich Knoche, Bad Westernkotten

Den nachfolgenden Vortrag hielt Heinrich Knoche, Aspenstraße 18, geb. 21.12.1930, am 7.11.2005 im Rahmen der Ausstellung „Erinnern für die Zukunft“ der Heimatfreunde Bad Westernkotten. Ich habe den Vortragstext nur ganz geringfügig für den Abdruck überarbeitet.

W. Marcus

 

Bild: Heinrich Knoche, der Verfasser dieses Beitrages

 

Vorbemerkungen

Wenn in meinen Vortrag das Wort „wir“ erscheint, sind damit meine Schulkollegen bzw. Freunde, mit denen ich in der freien Zeit viel zusammen war und zwar Theo Öffler, Norbert Kemper, Josef Lamminger, mein Bruder Bernhard und mein gleichnamiger Vetter Heinrich Knoche, gemeint.

Ich stand Kriegsende 1945 im 15. Lebensjahr (bin 1930 geboren), glaubte wie jeder deutsche Junge an die wie sich ja später herausstellte verderbliche Politik der Nazis, die uns in der Schule ganz straff und überall hier im Leben öffentlich vorgeführt und eingepaukt wurde.

Ich trug selber stolz die gelbe Uniform des Hitlerjungvolkes und war aktives Mitglied des Westernkötter Fanfarenzuges.

 

2 Bild: Heinrich Knoche als Mitglied des Westernkötter Fanfarenzuges [eins aussuchen]

 

Ich hatte noch fünf Geschwister: Der jüngste Bruder war vier, meine Schwester siebzehn Jahre alt. Unser Haus stand an der Reichsstraße Nr. 55 unweit der Salzsaline und des Bahnhofes Westernkotten. Die Saline wurde 1935 gebaut und 1946 stillgelegt. Sie steht heute noch original an derselben Stelle, nur in den Nachkriegsjahren wurde der Kamin um die Hälfte gekürzt. Direkt neben unserem Haus verlief die Strecke der Westfälischen Landeseisenbahn (WLE), die seit 1883 bis heute noch in Betrieb ist.

 

(4 Bilder)

Gebäude an der Reichsstraße 55, die Saline, der Hof Hötte und die Birkenbank

Der ehemalige Bahnhof Westernkotten

Das ehemalige Haus Knoche an der ehemaligen Reichsstraße55 [zwei Bilder, eins auswählen]

 

Wie jeder von uns weiß, behält man, wenn man jung  ist, viele Erlebnisse, die man bis ins höhere Alter nie vergisst. Genau weiß ich noch als Ende August 1939 die Mobilmachung ausgerufen wurde, wie meine Mutter vor Schreck ganz weiß wurde, denn sie hatte den 1. Weltkrieg 1914 – 1918 noch nicht vergessen. 5 Brüder standen an der Front, 2 fielen dort und der Vater war auch tot. Somit hatte sie Hunger und Not kennen gelernt und wusste wie schwer für Hinterbliebene die Nachkriegszeit ist.

 

(Bild)

Dieses Bild zeigt meine Familie Januar 1945 ohne meine Großeltern.

 

Die ersten Kriegsjahre 1939

Nun zu den eigentlichen Erinnerungen an den Krieg und an das Ende. Anfang des Krieges waren wir total begeistert, wenn wir sahen, wie die deutschen Ju-87-Sturzkampfflugzeuge, die in Lippstadt stationiert waren, zur Übung ihre Zementbomben in der Pöppelsche auf ein markiertes weißes Kreuz in der Nähe des Steinbruches (Kauers Bruch) abwarfen und dabei ihre Sirene heulen ließen. Sie stürzten aus etwa 3000 m Höhe heulend auf etwa 100 m herunter, klinkten ihre Bomben aus und fingen sich aus dem Sturzflug wieder auf.

 

Unser Schulweg war knapp 2 km weit, den wir täglich zu Fuß machten. Fliegeralarm kannten wir, den gab es öfter, Bombenfallen auch, die erste Bombe in Westernkotten fiel bei Knychs im Garten an der Nordstrasse. Alle bestaunten den großen Trichter. Es war eine einzelne Bombe, die beim Rückflug von einem Flugzeug verloren wurde, jedenfalls nicht gezielt geworfen war.

Nachts sah man die hellen Feuerscheine z.B. über Soest. Anfangs schoss auch immer die deutsche Flak. Am anderen morgen fanden wir oft Splitter der Flakgranaten. Interessant war, wenn die deutschen Suchscheinwerfer den Himmel abtasteten. Unsere Schulstunden wurden nun immer weniger, denn oft hatte „der Tommi“ – wie wir sagten –  Flugblätter, die wir nicht lesen durften, Kartoffenkäfer oder Giftraupen abgeworfen. Wir mussten alles einsammeln und in der Schule abgeben.

Eine kleine Episode: Nachdem unser Lehrer eines morgens vom Amt Erwitte am Telefon davon in Kenntnis gesetzt wurde, dass der Tommi nachts eine kleine schwarze Giftraupenart abgeworfen hatte, die bei Berührung eine schlimme Epidemie ausbreiten würde und  der erste, der unserem Lehrer eine solche Raupe brächte, mit 5 Reichsmark belohnt würde, hatte ich auf dem Nachhauseweg die Idee einfach eine Raupe (grüne gab es jede Menge) mit zwei Tropfen Tinte schwarz zu färben, um die 5 Reichsmark zu bekommen. Gemacht, getan und zur Schule gebracht. Die Belohnung habe ich bekommen; ich hatte nur nicht damit gerechnet, dass die Raupe zur Präparation in Spiritus gelegt wurde mit dem Ergebnis, dass sie sich wieder grün färbte, der Spiritus blau! Und die 5 Reichsmark musste ich wieder zurückgeben; die dafür erhaltene Strafe war aber human!

Übrigens stimmt es nicht wie in einem über Westernkotten geschriebenen Buch berichtet wird, dass bis zum Ende des Krieges in den Klassen gebetet wurde. Das ging nämlich so: Jemand hatte immer die Klassenaufsicht, wenn der Lehrer nicht da war. Sobald dieser das Klassenzimmer betrat, hatte er „Achtung“ zu schreien, dann mussten alle aufstehen die recht Hand erheben und laut „Heil Hitler“ rufen.

 

(Bild)

Die Jungen der Jahrgänge 1929 und 1930 vor der Volkshochschule.

 

Wenn es Ferien gab, traten sämtliche Lehrpersonen und Schüler draußen in die Reih und Glied an. Aus dem obersten Fenster wurde die Hakenkreuzfahne gehisst und die Lehrerschaft und die Schüler sangen mit ständig zum deutschen Gruß erhobenem Arm die Lieder:

 

„Deutschland, Deutschland über alles über alles in der Welt,

wenn es geht zum Schutz und Trutze, brüderlich zusammenhält,

von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt,

Deutschland, Deutschland über Alles, über Alles in der Welt !“

 

Anschließend:

 

„Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen,

SA marschiert, in ruhigem festem Schritt,

Kameraden der Rotfront, die Reaktionär erschossen,

marschieren im Geist, in unseren Reihen mit.“

 

Dann erfolgte ein 3-mal kräftiges „Sieg Heil“ auf den Führer. Erst dann hatten wir Ferien, aber wehe dem, der bei dieser Zeremonie den Arm zu früh sinken ließ; ihm  wurde geraten, sich in den Ferien doch so zu erholen, dass er in Zukunft seinen Arm lange genug hochhalten könne. So war es. Dreimal wurde der Text der Nationalhymne nun schon verändert. Erst „Gott erhalte Franz den Kaiser“ dann „Deutschland über alles“ und jetzt „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Nur die Melodie blieb.

 

Nun später erschrak man doch als 1943 die Möhnetalsperre mit den Springbomben von den Engländern zerstört wurde. In Niederense wohnte eine Tante mit 3 Kinder; ihr Mann war im Krieg. Ihr Haus hatte direkt beim Bahnhof gestanden. Es war weggespült, genau wie die Kirche in Himmelpforten. Die Gegend war total zerstört. Alles sah aus wie eine Wüste, so wie man es heute öfter im Fernsehen sieht. Wie die Naturgewalten der Meere wüten können. Wir konnten nicht  helfen und mussten wieder nach Hause, denn die Gegend war hier vom Militär total abgesperrt.

Wenn Bombenteppiche auf Lippstadt oder Geseke fielen, das rummelte ganz bedenklich. Also, wir hatten einen 2 km langen Schulweg. Täglich ging es zur Kirche, die war damals immer noch voll. Oft musste man Messe dienen, aber immer im schwarzen Gewand, denn oft war wieder ein Westernkötter Soldat gefallen oder ein 30tägiges oder Jahresseelenamt.

 

(Bild) Auch in  der alten Westernkötter Kirche wurde in den Kriegszeiten viel gebetet

 

Vor den Bombenverbänden, die jetzt auch bei Tage flogen, hatten wir kaum Respekt, denn die taten uns ja nichts, wenn sie auch mal auf einem Rückweg eine Lage Brandbomben auf Westernkotten abgeworfen hatten und mehrere Häuser und Scheunen abgebrannt waren. Das war bei den Tieffliegern anders. Die machten am Ende des Krieges Jagd auf alles, was sich bewegte. Die Mustangs, Spitfires, Thunderboldt und die doppelrümpfigen Lightnings schossen den Bauern hinterm Pflug weg und sogar den Radler von seinem Rad.

 

(Bild) Die Ortsmitte mit dem Hof Schröer (heute Café Schröer-Fidora) wurde bombadiert

 

Öfter zwangen sie uns, wenn wir von der Schule kamen zur vollen Deckung in den Graben. Besonders hatten sie die Eisenbahn aufs Korn genommen.

Deutsche Flugzeuge sah man kaum noch. Nur wenn mal wieder eine Me110 abgestürzt war,. z.B. bei Dedinghausen, Overhagen, oder bei einer Notlandung beim Fredegras in Westernkotten. Nur die Jäger, die auf dem Flugplatz Störmede-Eringerfeld stationiert waren, konnte man noch von weitem beim Starten und Landen sehen. Oder eine Rauchfahne oder einen schwebenden Fallschirm, wenn mal wieder einer abgeschossen wurde.

 

Plötzlich herrschte hier in der Heimat Hochstimmung, als mein Vetter Franz Mintert aus Rüthen als Obergefreiter und zweiter im Kreis Lippstadt nach dem Fliegerleutnant Mütherich für sieben Panzerabschüsse das Ritterkreuz verliehen bekam. Er bekam 8 Wochen Sonderurlaub von der Front und wurde hier von den Parteigenossen überall vorgestellt und kam bei seinem Urlaub kaum zur Ruhe; es war viel Propaganda dabei.

 

Der Geschäftsmann Fritz Ostheimer war in Westernkotten ein angesehener Mann. Er war Jude und mehrere Jahre 2. Vorsitzender im Spiel- und Sportverein Westernkotten. Er hatte ein Auto, und wenn wir auf dem Schulweg waren und er uns überholte, nahm er uns mit. Das hatte einer der Nazis gesehen, meldete es in der Schule, und jetzt wurde uns das Mitfahren unter Strafe verboten. Als Ostheimer uns mal wieder mitnehmen wollte, sagten wir ihm, dass wir nicht mit Juden mitfahren dürfen. Er wurde ganz blass und fuhr weiter. Was später mit den Juden geschah, ist jedem bekannt, aber das in der Erwitter Hellweghalle deren Hausrat und Eigentum, welches die Nazis sich genommen hatten, für einen Apfel und ein Ei öffentlich verkauft wurde, war schon schlimm genug.

 

(Bild)

Vetter Franz Minter, Ritterkreuzträger

 

 

 

Jetzt muss ich das Jahr 1944 noch mal erwähnen. Nach dem Attentat im Juli auf Hitler, der nichts abgekriegt hatte, sprach plötzlich alles von der Vorsehung und dem Herrgott, der habe ihm die Hand überm Kopf gehalten. Somit muss er wohl doch alles richtig machen und der richtige Mann sein, der uns jetzt doch mit seinen vielen Wunderwaffen zum endgültigen Sieg führt, obwohl wir an allen Fronten wichen und die Entbehrungen des Krieges immer deutlicher zu spüren waren.

 

Nun hatte es mich auch erwischt. Beim Hantieren an einer gefundenen Granate kam es zur Explosion und mehrere Splitter trafen mein linkes Knie. Sie wurden im Erwitter Hospital, welches zurzeit ein Lazarett war, entfernt. 6 Wochen dauerte der Aufenthalt, und von den Soldaten bekam ich manches Stück Schokolade und Apfelsinen. Ich war der Hahn im Korb, denn ich war der jüngste unter den Verwundeten.

 

(Bild)

Eilnachricht und Lebenszeichen nach einem schweren Bombenangriff auf Dortmund. Nur für engste Angehörige wurde so eine Nachricht erlaubt!

 

März 1945

Im März 1945 wurde der Verkehr auf der Straße gegenüber früher immer weniger. Der Kraftstoff fehlte, Fahrgenehmigungen mussten mitgeführt werden. Holzgasmotore besaß nicht jeder.

Nun aber mehrten sich die  Elendstrecks der unter Bewachung zurückgeführten gefangenen Russen. Sie waren zerlumpt und hungerten. Eines Tages übernachteten in der Scheune Hoppe an der Gieseler etwa 150 Russen. Wir hatten aus einer Steckrübenmiete Rüben geklaut und warfen diese den Russen über die Gieseler zu. Diese stürzten sich hungernd und gierig darauf, dann sahen wir, dass ein durstiger Russe vor dem Wasser kniete, um zu trinken. Ein deutscher Wachmann trat im von hinten zwischen die Beine. Der Elende stürzte kopfüber ins Wasser richtete sich auf, riss sein Hemd auf zeigte seinem Bewacher die nackte Brust. Was wohl bedeuten sollte:“ Erschieß mich doch lieber“. Der Bewacher lachte, und wir schlichen sehr beschämt und nachdenklich davon.

Anfang März stellte die Saline ihren Betrieb ein, es war keine Kohle mehr da. Am 25. März, Palmsonntag, rollten mehrere Militärzüge, bespannt mit Lokomotiven der Reichsbahn, über Belecke und Erwitte nach Lippstadt. Es war eine Umleitung, weil die Bahnstrecke westlich von Soest bombardiert war. Die Züge wurden von WLE-Loks geschoben, weil die Reichsbahn-Loks wegen der hohen Übersetzung die Anhöhe bei Preister, heute „Club Comtesse“  nicht hinauf schafften.

Abends – es war schon dunkel – klopfte ein fremder Mann bei uns an. Er bat um etwas zu trinken und zu essen; er hatte eine Autopanne und sein Wagen stand voll beladen mit Ware bei der von uns 50 Meter entfernten Birkengruppe.

 

(Bild)

Blick aus dem Küchenfenster des Hauses Knoche Richtung Lippstadt

 

Er war ein Seidenfabrikant aus Krefeld; er wollte die Ware der Fa. Fellmer nach Lippstadt bringen. Nachts schlief er in seinem Auto. Früh am nächsten Morgen kam er ganz aufgeregt wieder und schilderte folgendes: Nachts gegen 2 Uhr schlug jemand an seine Autoscheibe. Dieser trug SA-Uniform, hatte eine Alkoholfahne und schrie ihn an, was er wolle, warum er parke usw. Gerade war wieder ein Elendszug russischer Zwangsarbeiter vorbeigeführt worden. Zwei fußkranke Russen, die sich gegenseitig stützten, waren etwas 50 m hinter dem Trupp zurückgeblieben. Der Nazi schnauzte diese an zog die Pistole und schoss beide nieder. Dann schwang er sich auf sein  Fahrrad und fuhr in Richtung Erwitte davon.

Weil mein Vater auf der Bahn war, fuhr ich zum Hof Mönnig und meldete den Vorfall. Daraufhin wurden zwei Polen, die bei Mönnig arbeiteten, mit dem Einspänner-Milchwagen, auf dem Stroh lag, losgeschickt. Sie luden die beiden Russen, von denen einer noch atmete, auf und haben sie angeblich zum Erwitter Krankenhaus gebracht. Dieses war der erste Tote, den ich sah. Der Name des Täters war bekannt. Es wurde aber nicht darüber gesprochen, denn noch hatten alle Angst vor den Nazis.

Anzumerken ist, dass bei Mönnigs noch einige Polen privat wohnen durften, denn sie waren schon vor dem Krieg als Zivilarbeiter auf dem Weringerhof beschäftigt gewesen. Sie wohnten in dem Speicher, der heute hinter dem Kurhaus wieder aufgebaut ist. Wir nannten den Speicher das Polenhaus.

Da die Nazivorschriften immer schärfer wurden, hatte man die gefangenen Polen genau wie die Russen in dem Gefangenenlager hinter der Schmiede Franz Köneke (heute Elektro Thiele) untergebracht. Dort wurden sie bewacht. Morgens holten die Bauern ihre Arbeitskräfte dort ab und brachten sie abends wieder zurück. Nicht alle Gefangenen wurden bei den Bauern gut verpflegt und behandelt.

Da die Ernährung immer problematischer wurde und wir ziemlich allein wohnten, wurde auch mal schwarzgeschlachtet. Natürlich geheim und unter äußersten Vorsichtsmaßnahmen. Auch mal für Verwandte. Einmal lag ein kleineres zerlegtes Schwein auf dem Tisch. Das sah der jüngste und fragte: „Mama, was habt ihr denn da gemacht?“ – „Ach Kind, sei ruhig, wir haben für Tante Lina aus Lipperode ein Kaninchen geschlachtet.“ Darauf der Kleine: „Mit ‚nem Schweinekopf?“

 

Karwoche 1945

Nun kamen Montag, Dienstag und Mittwoch in der Karwoche Gerüchte auf, dass die Amerikaner nicht mehr weit wären. In der Ferne rumpelte es. Gründonnerstag bekam mein 16-jähriger Bruder Bernhard den Stellungsbefehl. Den brachte der Gemeindebote Theo Markoni. Er musste sich in Lippstadt einfinden und wurde noch bei Meiste und Hemmern mit der Panzerfaust eingewiesen. Nachts darauf fragte ein SS-Offizier: „Wo kommt ihr Jungens denn her?“ Als er Westernkotten hörte, etwa 15 km von dort, sagte er: „Wenn es dunkel wird,  haut ab, aber lasst euch nicht schnappen.“ Am 1. April traf Bernhard zusammen mit Heinrich Hense wieder zu Hause ein. Sie hatten den Marsch nach Hause zu Fuß gemacht.

Karfreitag und Samstag kamen erst wenige dann aber immer mehr Überreste deutscher Truppenverbände. Pferdebespannte Pangewagen. Auf einer Lafette saß ein Landser. Er spielte auf einer Mundharmonika, als wenn nichts wäre. Auch einige Fußtruppen mit MG`s und Autos aus dem Dreienbrüggerweg bogen zum Teil beim Westernkötter Bahnhof zum Weringerhof ab. Ein Teil der Truppen grub sich am Glasebach in Schulten Kämpen im Huil bis zum Linhof und Weckinghausen ein. Auch zwei 8,8 cm-Geschütze standen dort.

 

(Bild)

Ortszentrum Westernkotten-Kirche-Schule 1945

 

Man hörte deutlich in der Ferne das Rummeln der immer näher kommenden Front. Plötzlich am Karsamstag war die große Arbeit jetzt überall, die Hakenkreuzfahnen, alle Bilder und Abzeichen des Dritten Reiches verschwinden zu lassen. Alle Nazi-Anhänger, vor allem die, die immer am lautesten geschrieen hatten, versteckten sich, hauten ab oder tauchten unter.

Die Abzeichen entsorgte man vorwiegend in den Misten; sie kamen dann über das Zwischendepot in die Felder. Später wurden viele von Fritz Dietz und Ludwig Ruf mit ihren Suchdetektoren wieder gefunden. Diese Sammlung kann man bei mir zu Hause ansehen.

Die Zementwerke qualmten schon einige Tage nicht mehr. Die WLE fuhr nicht mehr. Die letzte fahrende Lok drückte von Lippstadt kommend etwa 12 Waggons, die mit einigen französischen Gefangenen besetzt waren, bis zum Hof Hötte nicht weit von der Saline ins Huil, kuppelte ab und fuhr zurück.

Dann war zeitweise hier alles ganz still und ruhig, wie man es vom Heiligabend kennt. Nur weit weg dieses ewige dumpfe Rummeln.

 

Ostersonntag 1945, 1. April

Vater war zu seinem Zwölf-Stunden-Dienst zur Bahn gefahren. Er war Stellwerksbeamter und vom Militärdienst reklamiert, weil er bei der Reichsbahn unabkömmlich war. Er hatte den schriftlichen Befehl, die letzten Züge durch und von Lippstadt abfahren zu lassen. Mit diesen sollten alle nicht mehr erforderlichen Eisenbahner aus dem Westen nach Ottbergen gebracht werden. Dort sollten dann Eisenbahner-Regimenter aufgestellt werden, um dem Feind noch Verluste beizubringen oder ihn sogar aufzuhalten. Danach hatte er den Auftrag, die Sprengladungen die am Stellwerk angebracht waren zu zünden und somit das Stellwerk unbrauchbar zu machen.

Ob Ostern in Westernkotten noch eine Messe gelesen wurde, weiß ich nicht. Von uns war keiner hin. Es war nachmittags so gegen 15 Uhr. In der Luft südlich von Lippstadt, nahe der Gieseler, kreisten ganz langsam zwei kleine Flugzeuge ähnlich der deutschen Fieseler Storch. Wir saßen verängstigt im Hause. Man hörte von Osten her das Dröhnen und Rasseln von Panzerketten, welches immer näher kam.

Plötzlich ein lautes Schlagen an unserer Haustür. Ich machte von innen auf, vor mir standen – die MPs im Anschlag – zwei Neger. Ich hatte noch nie einen Neger gesehen und erschrak. Ich nahm die Hände hoch, sie fragten: „Hier Nazi-Soldaten im Haus?“ Ich verneinte; dann fingen sie an die Räume zu durchsuchen.

 

Meine 17-jährige Schwester hatte sich auf dem Dachboden im Stroh verkrochen wegen de Angst vor Vergewaltigungen, von denen man gehört hatte. Meine damals 42-jährige Mutter stand mitten in der Küche. Auf dem Arm hatte sie unseren jüngsten 4-jährigen Bruder.

Ein Onkel von uns hatte sich beim Militär in Sizilien einige Kisten Wein organisiert. Dieser war bei uns im Keller zwischen Kartoffeln und Stroh versteckt. Den fanden die Amerikaner. Auf einmal waren acht oder neun von ihnen im Hause. Sie tranken etliche Flaschen aus. Böse waren sie nicht zu uns. Ein Neger nahm sogar meinen kleinen Bruder auf den Arm und tanzte. Dieser schrie. Auf ein Kommando verließen alle das Haus. Ein Neger warf einige Päckchen Nescafé und Dosenschokolade auf den Tisch. Jetzt stiegen sie wieder auf den Panzer und fuhren ab. Zwei Panzer die vor der Saline standen schlossen sich an und gemeinsam rollten sie in Richtung Lippstadt.

 

(Bild) Ortskarte (aus: Willi Mues, Der große Kessel, verändert)

 

Ostermontag, 2. April 1945

Ostermontag kamen einige Jeeps über die Straße aus Richtung Lippstadt. Ein deutsches Packgeschütz, welches im alten Lipperweg in Stellung war, feuerte auf die Jeeps; die wendeten und fuhren zurück. Durch unsere Ferngläser sahen wir, dass südlich Lippstadt bei Falkenstein und den Flachbauten viele amerikanische Panzer in Reih und Glied auffuhren und sich zum Angriff formierten. Markiert waren diese mit grellen roten Tüchern.

 

 

Dienstag, 3. April, und Mittwoch, 4. April 1945

Dienstags und mittwochs setzten die Panzer mit aufsitzenden Soldaten und viele Jeeps bestückt mit MGs zum Angriff nach Süden an. Überall hörte man Gewehrfeuer und Kanonenschüsse und den Motorenlärm. Wir saßen in unserem Bunker. Zwei gefangene Franzosen, die sich schon befreit hatten, saßen mit uns zusammen im Bunker. Sie beruhigten uns und erklärten, wenn man die Granaten heulen hört, fliegen sie weiter. Wir waren froh, dass die beiden bei uns waren.

 

Donnerstag, 5. April 1945

Donnerstags kam unser Vater zurück. Er erzählte, dass sie von den Amerikanern überrascht, verhört und dann 4 Tage festgehalten wurden. Weiter erzählte er von gefallenen deutschen Soldaten beim Linhof, von erschossenen Russen auf der Erwitter Hellwegkreuzung usw.

Auf der Straße rollten nun unaufhörlich amerikanische Panzer, Kanonen, Jeeps, Lastwagen usw. Richtung Süden.

 

Die ersten Nachkriegswochen

Da die Amerikaner beim Angriff auf Weckinghausen noch etliche Gefallene hatten, wurden aus Rache sämtliche Einwohner evakuiert und vertrieben. Die 9-köpfige Familie Bertelsmeier wurde von uns aufgenommen. Nun lebten in unserem Hause für einige Monate 19 Personen. Wir schliefen im Ziegenstall und auf dem Heubalken im Stroh.

Überall lag zerstörtes deutsches Kriegsgerät herum. Gewehre, Panzerfäuste, Gasmasken, ausgebrannte Kübelwagen, bei Hiltemanns und Richtung Weckinghausen eine 8,8 Kanone usw.

Auf der Straße rollten die Transporte der deutschen Gefangenen in Richtung Erwitte und dann weiter in die Lager. Die Laster wurden von Negern gesteuert und fuhren sehr schnell. Wir erkannten zwischen den Soldaten die Westernkötter Fritz Stange, Josef Wiehen und Fritz Horn, deren Familien haben wir umgehend benachrichtigt; jetzt wussten sie, dass ihre Männer noch lebten.

 

(Bild) Befreite Franzosen, Polen, Belgier und Holländer warten auf dem Lippstädter Marktplatz

 

Nun begann von den befreiten, bisher gefangenen Russen, Polen, Franzosen und Italienern das Abschlachten der Rinder und Schweine, die Plünderungen der Bauernhöfe und die  Überfälle, Gewalttaten und sogar Vergewaltigungen. Am meisten litten die allein liegenden Bauernhöfe, die fast alles verloren. Unser Haus stand den ganzen Tag offen. Die Russen nahmen das von unserer Mutter und Frau Bertelsmeier gebackene Maismehlbrot mit. Sie warfen dafür jede Menge Fleisch auf den Tisch und bedienten sich mit allem, was im Garten stand. Vor allen Dingen Zwiebeln („Zibulla“) und Kartoffeln („Katoschkas“), die ganze Tonne Sauerkraut („Kapusta“) machten sie leer. Unseren Brunnen haben sie fast leer getrunken.

Kein Stück Vieh hatte der Hof von Heinrich Hötte zu beklagen. Wenn eine Horde Russen kam, um zu plündern, ging Oma Hötte ihnen entgegen mit einem großen Wandkreuz in der Hand. Daraufhin rannten „die Iwans“, wie wir sagten, weg.

Es war hochsommerliches Wetter, die Tierkadaver fingen an zu verwesen und stanken fürchterlich. Wir haben mit Gasmasken auf dem Gesicht und mit Schaufeln bis in Schulten Kämpe diese Kadaver eingegraben oder abgedeckt. Dabei fanden wir noch einen schon entstellten deutschen Gefallenen, der dann in Erwitte bestattet wurde.

Langsam tauchten nun all unsere „braunen Würdenträger der gelben Zunft“ wieder auf. Gewusst hatte niemand etwas über Gewalttaten wie in Suttrop, auf der Erwitter Kreuzung oder bei uns unter den Birken. Alles wurde ganz schnell vergessen und verschwiegen, es geriet alles wieder ins alte Geleis. Der Gedenkstein für die 18 ermordeten Russen auf der Hellwegkreuzung steht heute auf dem Erwitter Friedhof. Zuerst hatte man sie in einer Viehweide verscharrt. Sie wurden dann hier ordentlich bestattet. Der 19. ist unbekannt, könnte der Erschossene bei der Birkenbank sein.

 

Schon am 1. Juni 1945 konnte ich eine Lehre bei der WLE als Schlosser beginnen. Soweit war die Ordnung hier wieder hergestellt. Es war doch erst 3 Wochen nach Kriegsende. Langsam lief alles wieder.

 

(Bild)Bei der WLE fand Heinrich Knoche nach dem Krieg eine Lehrstelle

 

Jetzt begann für die Städter die Kompensations- und Hamsterzeit, in der sich mancher bereicherte. Das Hauptumschlagszentrum des schwarzen Marktes war der Lippstädter Hauptbahnhof. Auch wir hatten dort jede Menge Wildkaninchen zu bieten, die wir aus den Bauten am Domhof und in der Pöppelsche frettierten. Mein Onkel Heinrich, der aus dem Krieg schon zurück war, kannte das. Er war „für den Teufel nicht bange“, und das Jagdrecht lag kurz nach dem Kriege in den Händen der Besatzungsmacht. Die beste Währung waren die Ami- und Tommy-Zigaretten. Der Schwarzmarkt blühte, jeder war sich selbst der Nächste.

 

Hier möchte ich meinen Vortrag beenden, denn das Kapitel der weiteren Nachkriegszeit an die ich noch viele Erinnerungen habe, würde den Rahmen sprengen. Allerdings muss ich als Schlussbemerkung noch erwähnen, dass die Jahre unter der Naziführung zwar sehr straff, aber für uns auch ordentlich verliefen. Verbrechen wurden unmittelbar streng geahndet. Zum Beispiel. arbeitete meine Schwester als 15- bis 17-jähriges Mädchen in dem Schneiderbetrieb Heiermeier in Lippstadt am Marktplatz. Bei Fliegeralarm mussten alle in den Keller, die ausgefallenen Stunden mussten abends nachgearbeitet werden. Dadurch war der letzte Zug nach Westernkotten schon weg. Sie musste den sieben km langen Weg nach Hause allein zu Fuß im Dunkeln gehen. Öfters ging ihr meine Oma mit der Petroleumlampe entgegen. Niemals ist sie unterwegs belästigt worden. Heute ist es riskant, allein als junges Mädchen zu gehen. Überfälle, sexuelle Belästigungen, Handtaschenraub usw. kommen öfter vor. Das hätte  früher niemand gewagt, für solche Taten hätte man schnell einen Kopf verloren.

Dankbar sollten wir sein, das endlich das Dritte Reich endete, denn Engländer und Amerikaner haben uns erstmals in Deutschland die Demokratie und ein  freies Leben gebracht.

Danke fürs Zuhören, nun stehe ich für jede Fragen und Anmerkungen zur Verfügung.