Ortsbeschreibung 1603

Dr. phil. Peter Piasecki, Herne

Die erste gedruckte Beschreibung von Bad Westernkotten aus dem Jahre 1603

Die erste urkundliche Erwähnung Westernkottens erfolgte in den Corveyer Traditionen, den sog. Schenkungen. Als Name findet sich dabei die Bezeichnung „Coten“ oder „Cotun“. 1258 taucht daneben mit direktem Bezug auf einen Güterbesitz Corveys in Westernkotten auch die Schreibweise „Cothen“ auf. Obgleich gegenwärtig die Diskussion um möglicherweise zwei Orte mit ähnlicher Schreibweise nach den Traditionen des Klosters Corvey nicht abschließend geklärt ist, so gilt doch als gesichert, dass Westernkotten im Mittelalter die Bezeichnung „Coten“ oder „Cothen“ trug.[1] Nach dieser Vorbemerkung betrachten wir nunmehr die erste gedruckte, bislang aber nicht Westernkotten zugeordnete Darstellung der Saline Westernkotten, die sich in dem 1603 publizierten Werk von Johann Thölde befindet. Das Buch trägt den Titel  „Haliographia“.[2] Unter der Ortsangabe „Zum Koten“ findet sich dabei folgende kurze Beschreibung:

„ Im Stifft Badelborn zu Koten hats ein Saltzquell / der durch drey unterschiedene Bronnen die Sole von sich gibt / welche helt etwas von Alaun unnd Schwebel / Hat sieben und acht Kode / ungleicher allda / und wird die Sole auff 8. loht befunden.“[3]

Diese Beschreibung wurde bislang, zuletzt im Nachwort zur Reprintausgabe von Thölde,[4] dem Salinenort Salzkotten zugeordnet. Im Folgenden wird zu belegen sein, warum dieser Text die Kurzbeschreibung der Saline Westernkotten darstellt. Wenden wir uns dabei zunächst Thöldes Buch zu. Hier finden wir die Kurzbeschreibungen von 65 deutschen Salinen, wobei wesentliche Chrakteristika zu den Salinen  und zum jeweiligen technischen Equipement dargestellt werden. Thölde ist insgesamt sehr zuverlässig, das zeigen vielfältige Untersuchungen zum Salinenwesen, und seine Angaben zur Salinentechnik liefern einen guten Querschnitt zum Stand der Salzgewinnung zur Jahrhundertwende zum 17. Jahrhundert. So beschreibt er etwa die in der Saline Unna praktizierte Feuerungstechnik mit Steinkohlen und den Gebrauch neuer Siedepfannen mit eingebauten Röhren zur Vorwärmung der Sole, oder er schildert die in der Saline Werl als technische Innovation anzusprechenden Pfannensysteme mit vier hintereinander gesetzten Vorwärmpfannen, wie sie der Renaissance-Baumeister Heinrich Schickhardt für südwestdeutsche Salinen gezeichnet hat.[5]

 

Eine zweite, genauer zu betrachtende Salinenbeschreibung bei Thölde betrifft den Salinenort „Zun Dreckoden“, den Walter geographisch mit „wahrscheinlich Gut Dreckburg bei Salzkotten“ zuordnet.[6] Diese Zuordnung lässt sich belegen, wenngleich der Text bei Thölde keine weiteren Ortsangaben liefert: „Zun Derckoden. Alda brauchts auch dieselbige art / wie obgedacht [Bezug auf Salzufflen] / mit Instrumenten / Lohn unnd Saltzkauff. Hat auch eigene Masse / auch sondere Amptsverwalter / welche es handhaben unnd regieren. Ist auch viel Holtz hierumb gelegen.“[7] Der Bezug nach Salzufflen betrifft die Verwendung von Bleipfannen. Dies ist für die hier relevante Zeitspanne für Salzkotten zutreffend, da wir nur wissen, dass nach einem Vertrag von 1610 zwischen Bischof Dietrich und den Sälzern in Salzkotten der Weg zur Vergrößerung der Pfannen – was nur über eine Eisenkonstruktion erfolgen konnte – offen war.[8] 1630 befanden sich dann in den 12 Siedhäusern jeweils eine eiserne und eine aus Blei gefertigte Pfanne. Der zweite Hinweis, dass die Ortsangabe „Dreckoden“ die Saline Salzkotten beschreibt, finden wir bereits im 11. Jahrhundert. Imad, ein Neffe von Bischof Meinwerk stiftete der Busdorfkirche in Paderborn ein Gut an der Heder im Dorf Drewer (situm juxta flumen Hedera in villa, quae dicitur Drevere),[9] welches 1247 Salzkotten zugeordnet wird. Die Dreckburg gehört zum Dorf Drewer. Es wird deshalb davon ausgegangen, dass Thölde mit der Angabe „Dreckoden“ die Salzgewinnungsstätte Salzkotten beschreibt.

 

Wenn als gesichert anzunehmen ist, dass Thölde die Saline Salzkotten nur einmal in sein Buch aufgenommen hat und es unmittelbar um Salzkotten herum keine weiteren Salinen gab, so macht es Sinn, den Text zu „Zum Koten“ in Korrelation zu den Gegebenheiten in Westernkotten zu untersuchen und gleichzeitig Diskrepanzen zur Saline Salzkotten zu beachten. Die Beschreibung der Siedestätte „Zum Koten“ enthält zwei im Kontext wichtige technische Angaben. Zum einen ist es der Hinweis auf drei Brunnen und zum anderen der auf die Anzahl der Siedehütten: nämlich auf sieben und acht „Kode“. Die dritte technische Angabe im Text betrifft den Salzgehalt der Sole und ist für einen Vergleich mit Salzkotten weniger geeignet, weil beide Salinen über ähnlich konzentrierte Sole verfügten und zusätzlich die Brunnensole im Jahreslauf und je nach Witterungslage doch bestimmten Schwankungen unterworfen war.[10]

 

Die Saline Salzkotten war seit dem Mittelalter bis zur Schließung der Saline immer in 24 Salinenanteile aufgeteilt gewesen und seit mindestens 1525 existierten – gleichbleibend in den Folgejahrhunderten – immer 12 Siedehütten mit jeweils zwei Siedepfannen. Hierbei handelte es sich um ein konstitutives Strukturelement der Saline. Zudem gab es hier nur einen Brunnen mit darüber errichtetem Brunnenhaus.[11] Anders dagegen in Westernkotten. Hier bestanden bis 1845 drei Brunnen und die Anteile verteilten sich mit acht Anteilen auf den Hauptbrunnen und mit sieben Anteilen auf die beiden übrigen Brunnen.[12] In diesem Kontext wird deutlich, dass Thölde mit seiner Beschreibung der Saline „Zum Koten“ die erste gedruckte Darstellung der Siedestätte in Westernkotten geliefert hat.

 


[1] Vgl. Bad Westernkotten. Altes Sälzerdorf am Hellweg. Eine Ortsgeschichte in Wort und Bild. Im Auftrag des Vereins „Heimatfreunde Bad Westernkotten“ hrsg. von Wolfgang Marcus u.a., Lippstadt 1987 (Beiträge zur Heimatkunde Bad Westernkottens, Band I), S. 41ff., wo sich eine ausführliche Diskussion zu dieser Namensbeziehung findet.

[2] Johann Thölde, Haliographia. Das ist: Gründliche unnd eigendliche Beschreibung aller Saltz-mineralien. Beneben einer Historischen Beschreibung aller Saltzwerke, Eißleben 1603. Die zweite Auflage des Buches erschien 1612. Die zuletzt genannte Auflage diente Hans-Henning Walter 1989 für die Veröffentlichung einer Reprintausgabe im Reprintverlag Leipzig. Aus der Reprintausgabe wird im folgenden zitiert.

[3] Ebenda, S. 189.

[4] Ebenda, im von Hanns-Henning Walter verfassten Nachwort, Tabelle 1 und Lageskizze der von Thölde beschriebenen Saline um 1600. Der Unterzeichner dieses Artikels hatte zuvor ebenfalls die oben aufgeführte Darstellung Salzkotten zugeordnet. Siehe Peter Piasecki, Das deutsche Salinenwesen 1550 – 1650. Invention, Innovation, Diffusion, Idstein 1987 (Wissenschaftliche Schriften im Wissenschaftlichen Verlag Dr. Schulz-Kirchner, Reihe 9, Geschichtswissenschaftliche Beiträge Band 104).

[5] Siehe etwa Peter Piasecki, Quantifizierbare Prozesse bei der Einführung neuer Techniken im Salinenwesen um 1600, in: Der Anschnitt 49, 1997, S. 10 – 15.

[6] Johann Thölde, a.a.O., Tabelle 1.

[7] Ebenda, S. 174.

[8] Staatsarchiv Münster, Paderborner Hofkammer VII 235.

[9] Vgl. Otto Schnettler, Zur Geschichte der Stadt Salzkotten, in: Stadt und Amt Salzkotten, hrsg. vom Amt Salzkotten-Boke, Paderborn 1970, S. 46f sowie Westfälisches Urkundenbuch, Addit. N. 13.

[10] Heinrich Cramer, Salzkotten, Stadt im östlichen Hellwegraum – naturgeographische Gesichtspunkte, Stadt und Amt Salzkotten, a.a.O., S. 34.

[11] Vgl. zu diesem Komplex Anton Knape, Die wichtigsten Unternehmungen des Paderborner Landes in fürstbischöflicher Zeit. Ein Beitrag zur Wirtschafts- und Verwaltungsgeschichte des ehemaligen Hochstiftes Paderborn im 17. und 18. Jahrhundert, Diss. Münster 1912; Alfred Heggen, Staat und Wirtschaft im Fürtentum Paderborn im 18. Jahrhundert, Paderborn 1978; Peter Piasecki, Salzhandel und Salzhandelspolitik im Paderborner Land vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, in: Das Salz in der Rechts- und Handelsgeschichte. Kongressakten des Internationalen Salzgeschichtekongresses vom 26. September bis 1. Oktober 1990 in Hall in Tirol, hrsg. von Jean-Claude Hocquet und Rudolf Palme, Schwaz 1991, S. 155 – 176.

[12] Bad Westernkotten, a.a.O., S. 66.

 

 

Bildunterschriften:

  • 1. So etwa hat Thölde den Ort Westernkotten Anfang des 17. Jarhrhunderts gesehen: Gemälde von Fabritius aus dem Jahre 1666 (Blickwinkel von Bökenförde aus)
  • 2. Der Königssood-Platz aus der Vogelperspektive: Hier waren zur Zeit Thöldes die drei Salzbrunnen zu finden (Aufnahme W. Marcus von 1998)
  • 3. Heute dominiert eine Sälzerplastik des Aachener Künstlers Löneke den Platz der einstmals drei Salzbrunnen (Aufnahme: Dieter Tuschen 1996)