Lehrvertrag von 1874

[aus: Vertell mui watt, Nr. 347, 2008]

Westernkötter Lehrvertrag von 1874

Von Wolfgang Marcus, Bad Westernkotten

Von Werner und Brigitte Niggenaber erhielten die Heimatfreunde Bad Westernkotten am 24.9.2007 einen kleineren Bestand mit heimatgeschichtlichen Unterlagen. Darunter befindet sich auch folgender „Lehrcontrakt“.

 

Lehrcontract

Zwischen dem Schreinermeister Conrad Hammelbeck zu Westernkotten und dem Tagelöhner Bernhard Flöer für sich und seinen unmündigen Sohn Wilhelm Flöer ist am heutigen Tage nachstehender Lehrkontrakt nach reichlicher Überlegung geschlossen worden.

Der Conrad Hammelbeck nimmt den fünfzehnjährigen Sohn des Bernhard Flöer auf zwei und ein Zweitel Jahre als vom 11. November 1874 bis zum 1. Mai 1877 als Lehrling an und verpflichtet sich, ihn in allen, einem tüchtigen Schreinergesellen erforderlichen Kenntnissen zu unterweisen, überhaupt ihn zu allem anzuleiten, wodurch er sich zu einem guten Menschen und Gesellen ausbilden kann, ferner ihn während der zwei und ein Zweitel jährlichen Lehrzeit ein Jahr in dem väterlichen Hause und die übrige Zeit in seinem Haus mit Kost und Wohnung unterhalten und ihn mit Vertrauen und Güte zu behandeln.

Der Conrad Hammelbeck übernimmt ferner keine Verpflichtung, die Kosten einer etwaigen Krankheit des Wilhelm Flöer zu tragen.

Der Wilhelm Flöer verspricht seinem Lehrmeister den strengsten Gehorsam und sich treu, ehrbietsam und sittlich aufzuführen und nicht ohne seine Einwilligung sich unter den Geschäften vom Hause zu entfernen.

Der Wilhelm Flöer verspricht seinem Lehrmeister zu allen Handleistungen bereitwillig beizuspringen und sich als ordnungsliebender Mensch in allen Stücken zu erweisen.

Bei Krankheit oder etwaigem Todesfall des Lehrmeisters oder falls dieser nach einem Jahre sein Handwerk aufgeben sollte, tritt dafür dieser Kontrakt außer Kraft und kann der Lehrling Wilhelm Flöer in diesem Falle keine Entschädigung beanspruchen.

Beide Theile verpflichten sich gegenseitig und jedem ist ein Exemplar zugestellt worden.

Westernkotten, den 11. November 1874

Conrad Hammelbeck                  Bernhard Flöer

Schreinermeister

 

Anmerkungen

  • Ÿ Der Vertrag sieht kein Lehrgeld vor. Anscheinend arbeitet der Lehrjunge, wie im letzten Satz in Punkt 1 ausgeführt, nur für Kost und Logis.
  • Ÿ Interessant auch, dass die Ausbildung nicht nur fachbezogen sein soll, sondern ihn „zu einem guten Menschen“ erziehen soll.
  • Ÿ Conrad Hammelbeck taucht in einem vorliegenden vollständigen Einwohnerverzeichnis von 1864 noch nicht auf, scheint also erst nach 1864 nach Westernkotten gekommen zu sein. Im „Adress-Buch des Kreises Lippstadt und Umgebung 1925/26″ [ein Exemplar im Stadtarchiv Lippstadt] findet sich ein Fabrikarbeiter Heinrich Hammelbeck unter der Hausnummer 87, das ist heute Salzstraße Nr.7.
  • Ÿ Der genannte Lehrjunge Wilhelm stammt aus dem Haus Osterbachstraße 4 (heute das leer stehende ehemalige Edeka-Geschäft von Christine Ising) und wurde 1860 geboren. Sein Vater war auch nach Aussage des o. g. Einwohnerverzeichnisses der Tagelöhner Bernhard Flöer und 1823 geboren. Seine Mutter Luise geb. Stenner (?) war 1821 geboren. Seine bis 1864 geborenen Geschwister waren Franziska (*1854) und Josephine (*1857).