Schnadgänge

Schadgänge in (Bad) Westernkotten

Von Wolfgang Marcus

I. Die Entstehung von Schnadgängen

Die Menschen, die etwa um die Mitte des ersten Jahrtausends unsere Heimat in Besitz nahmen, lebten in einer Art Genossenschaft, dem ältesten Verband aller germanischen Völker. Sie siedelten vornehmlich in Flußauen, bei uns am Osterbach (Aspen und das spätere Westernkotten), am Mühlenbach (Weringhausen), in der Talaue der Gieseler (Swiek), an Lüsch- und Schottenteich (Hockelheim) und an der Weihe (Ussen). Hier, wo der Boden fruchtbar war, rodete man den ursprünglich vorhandenen Eichen-Buchen-Mischwald für Hof und Acker. Das Gebiet, das darüber hinaus ihre wesentliche Lebensgrundlage darstellte und durch eine Grenze von den Nachbarn getrennt war, bildete ihre „Mark“ (von mittelhochdeutsch „marc“ = Grenze, Grenzland, Gau, Gebiet, Gesamteigentum einer Gemeinde an Grund und Boden).[1] Während Höfe und Äcker schon frühzeitig in das Einzeleigentum der Markgenossen übergingen, blieben der Wald (= die Waldemei, bei uns schon sehr früh nur noch in Restbeständen vorhanden), die Feldmark und bei uns auch das Niedermoor Gemeineigentum, das allen Genossen gleichberechtigt zustand.[2]

Über die Nutzung des Waldes schreibt Herbold[3]: „Schon frühzeitig begann man, im Wald zwischen fruchtbarem und unfruchtbarem Holz zu unterscheiden, zunächst im Interesse des Wildes, später aber wegen der Mast der Haustiere. Fruchtbar waren die Bäume, die schwere Samen warfen, wie Eiche und Buche. Als unfruchtbar galten leichtsamige Bäume wie Ulme, Birke, Erle und Hainbuche sowie gipfeldürre Eichen und Buchen…Für die Nutzung des Waldes war die Unterscheidung von fruchtbarem und unfruchtbarem Holz von großer Bedeutung. Wurde fruchtbares Holz ursprünglich im Interesse der Jagd geschützt, so war es später die Mast der Haustiere, die den ungenehmigten Einschlag eines solchen Baumes zu einem hart bestraften Forstfrevel werden ließ. Nach den Bedürfnissen des täglichen Lebens wurde aus dem Holz Bauholz, Brennholz, Geschirrholz[4], Schlacht- und Weideholz[5] geholt. Im Walde wurde das Asche- und später Kohleholz[6] verwertet.“

Die Grenzen zwischen den Markgenossenschaften waren häufig Waldgrenzen. Diese Waldgrenzen aber waren schwer zu erkennen. Wahrscheinlich schlug man eine Schneise entlang der Grenze, die sogenannte Schnad. In dieser Schneise wurden markante Bäume, meist langlebige Eichen, erhalten, die besonders gekennzeichnet und oft auch mit den Jahreszahlen, in denen die Grenze begangen wurde, versehen wurden. Das Begehen der Grenze, der Schnadegang oder Schnadgang, war eine wichtige Angelegenheit.[7]

Schadezüge „erfüllten in langen Jahrhunderten, als es noch keine Flurkarten gab, ihren besonderen Zweck, nämlich sich die Grenze einzuprägen, sie zu sichern, ihre Richtigkeit zu überprüfen, Grenzstreitigkeiten zu schlichten und nicht zuletzt auch der nachwachsenden Generation Kenntnis über Grenzverläufe zu vermitteln…Unkenntlich gewordene Zeichen wurden aufgefrischt, Malsteine zurechtgerückt und strittige Grenzfragen an Ort und Stelle geklärt. Jüngeren Leuten und auch Neubürgern, die zum ersten Mal am Grenzzug teilnahmen, wurden wichtige Merkpunkte unsanft durch eine Ohrfeige (man soll es sich hinter die Ohren schreiben) oder durch „Pohläsen“ (mit dem Äs, d.i. Hintern, mehrmals kräftig auf den Pohl = Stutzen, Grenzpfahl, Stein stoßen) „eingebläut“.“[8] Darüber hinaus dienten die Schnadezüge aber auch der Aufzeichnung von Hudeberechtigungen der einzelnen Bauergemeinden.

 

 

 

  • II. Der Grenzverlauf der Gemarkung (Bad) Westernkotten

Bad Westernkotten grenzt im Norden an Lippstadt, im Nordosten an Bökenförde, im Osten an Eikeloh und auf 200 Meter an Westereiden, im Süden und Westen an Erwitte und im Nordosten an Weckinghausen. Die Grenze mit Westereiden und Eikeloh bildet die Pöppelsche, so dass besondere Grenzzeichen nicht nötig waren. Hier ist allerdings mündlich überliefert, dass es schon mal Streit wegen der Entnahme von Kies aus dem Bachbett der Pöppelsche gegeben hat.

Auch die Grenze zu Bökenförde wird durch Flüsse gebildet, nämlich auch die Pöppelsche, sodann die Gieseler. Diese bildete auch bis 1975, bis zur kommunalen Neuordnung, die Grenze zu Lippstadt.[9] Auch die Grenze zu Weckinghausen, die vom Glasebach gebildet wird, ist weithin eindeutig. Lediglich die Grenze zwischen Erwitte und Westernkotten ist weniger klar ersichtlich. Sie verläuft – grob skizziert – vom Naherholungsgebiet Erwitter Tannen über den Sauerländer Weg[10], den Wemberweg und den Alten Berger Pfad an der Gärtnerei Merschmann vorbei und dann durch das Erwitter Bruch auf den Overhagener und Drienbrügger Weg.

„Insgesamt ist die Gemarkungsgrenze etwa 21,2 Kilometer lang. Die Gesamtfläche[11] beträgt 13,2 km². Die größte Erstreckung (von Nordwest nach Südost) beträgt 7,15 Kilometer, die West-Ost-Erstreckung im Bereich der Bundesstraße 1 etwa 2,3 km.“[12]

 

 

  • III. Schnadgänge in der Zeit des Herzogtums Westfalen

Bisher sind nur einige wenige Schadezüge, an denen Westernkötter beteiligt waren, bekannt geworden:

1571: Über Grenzstreitigkeiten in diesem Jahr berichtet F. Herberhold: „Die Markennutzung, der Genuß der Allmende, die Nutzung der Gemeinheitsgründe war eine Lebensfrage für jeden bäuerlichen Betrieb. Vom Ackerland lag ja stets ein Teil brach. Wiesen und Weiden standen in keinem Verhältnis zur Viehhaltung. Das war nur möglich, weil das Vieh auf die gemeine [= gemeinschaftliche] Weide getrieben werden konnte. Kühe, Schweine und Schafe fanden den größten Teil ihrer Nahrung auf den Gemeinheitsgründen. Ihre Erhaltung lag deshalb im Interesse der Gesamtheit. Mit besonderer Sorgfalt wachte man darüber, daß nicht Unberechtigte die Gemeinheitsgründe abhüteten. Als die Westernkötter 1571 versuchten, in der Erwitter Mark, im Hüelfeld, Plumping und am Fange durch Urteil des Offizialgerichtes Huderechte zu erhalten, legten der Gograf, Johann von Droste, und Ludolf von Landsberg schärfsten Protest ein.“[13]

1658: Dass es bei den Schnadezügen auch zu Grenzstreitigkeiten kam, belegt ein altes Schnadprotokoll der Gemeinde Westereiden vom 31.Juli 1658[14]:Die Westereider wollten vor allem im Bereich nördlich der Pöppelsche ihre Huderechte (Weiderechte) mit den Erwitter und Westernkötter Nachbarn klären, holten sich dann aber fast „blutige Nasen“, weil wohl für die Erwitter und Westernkötter die Pöppelsche die natürliche Grenze bildete.

Das Protokoll eines Schadezuges der Erwitter Bauergemeinde aus dem Jahre 1719 ist bei Herberhold komplett abgedruckt.[15] Dabei treffen die Erwitter auch mit einer Westernkötter Abordnung zusammen. Die Grenze wird gemeinsam beschritten. Viele auch heute noch bekannte Örtlichkeiten werden genannt.

Aus dem Jahre 1738 ist ein Jagdschnadezug überliefert, wobei die Jagdgrenzen der adligen Häuser in unserem Raum überprüft wurden. Mit dabei auch der Freiherr von Schade für das adlige Haus Westernkotten.[16]

 

 

  • IV. Die Aufhebung der Schnadgänge

Bereits in der Zeit der Herrschaft von Hessen-Darmstadt (1802-1815) ging die neue Regierung daran, die Einrichtung eines Katasters mit Flurkarten und Flurbüchern voranzutreiben. Dies wurde unter der Herrschaft Preußens (ab 1816) fortgesetzt, die Arbeiten am sog. Urkataster waren für unseren Raum Ende der 1820er Jahre abgeschlossen. Damit verloren die Schnadgänge ihre Bedeutung. Dennoch wurden sie vielerorts fortgesetzt. Das interpretierte die Regierung als Missachtung und untersagte mit Verfügung vom 3.2.1841 alle Schnadgänge, „weil bei der vollendeten Katastrirung des Grund und Bodens, wobei eine Verdunkelung der Grenzen nicht leicht möglich ist, die Veranstaltung der an einigen Orten noch üblichen Grenz- und Schnadezüge keinen Nutzen mehr gewährt, im Gegenteil zur Verübung mehrerer groben Excesse Veranlassung gegeben“ hat.[17]

Noch etwas anderes führte dazu, dass Schnadezüge an Bedeutung verloren: die Aufteilung der Marken. In Westernkotten wurde am 12.10.1854 die Aufteilung des Westernkötter Bruchs beantragt, abgeschlossen wurde sie mit Vertrag vom 28.1.1873. Die Aufteilung der Feldmark war am 31.12.1888 abgeschlossen.[18]

 

 

  • V. Schnadgänge der Neuzeit (seit 1982)

Hier soll nur eine kurze chronologische Übersicht folgen[19]:

1982: In diesem Jahr feierten die Georgspfadfinder in Bad Westernkotten ihr 10jähriges Bestehen. Im Rahmen einer Festwoche sollte jede Gruppe einen Beitrag leisten. Damals überlegten sich die Rover (16-20 Jahre) unter der Leitung von Elisabeth Hollenbeck und Wolfgang Marcus, doch den alten Brauch des Schnadgangs wieder aufleben zu lassen. Die Gesamtstrecke wurde in 4 Teilstrecken eingeteilt: vom Domhof bis zur Gärtnerei Merschmann (Süd- und Westgrenze), von dort bis zur Erwitter Warte (Nordwestgrenze), von dort bis an die Brücke vor Bökenförde (Nordgrenze) und von dort durch das Pöppelschetal bis zum Domhof (Ostgrenze). Die Pfadfinder haben die ersten 4 Jahre Regie geführt. Im ersten Jahr wurde die nördliche Grenze begangen. Am Suckeweg wurde ein Schnadstein (Findling) eingeweiht.

1983: Südwestliche Grenze, Schnadstein am Sauerländer Weg/Ecke Wemberweg gesetzt

1984: Schnadgang entlang der nordwestlichen Grenze; Schnadstein am Bruchweg gesetzt (wurde mehrmals zerstört)

1985: Schnadgang durch die Pöppelsche, Schnadstein am vorderen Eingang der Pöppelsche eingeweiht

1986: Schnadgang entlang der nördlichen Grenze, erstmals veranstaltet von den Heimatfreunden und der KAB, die fortan für die Schnadgänge verantwortlich zeichnen

31.Mai 1987: 6. Schnadgang; entlang der westlichen Grenze, ca. 30 Teiln.

2.6.1988: Schnadgang entlang der nordwestlichen Grenze

24.9.1989: Pöppelschetal, 30 Teilnehmer

9.9.1990: Pöppelschetal; 9. Schnadgang,  50 Teiln.

22.9.1991: 10. Schnadgang, Grenze zu Erwitte, Zusammentreffen mit Vertretern des Erwitter Heimatvereins, Platzkonzert des Tambourkorps an der Mühle, ca. 50 Teilnehmer

1992: Erstmals kein Schnadgang; Heimatfreunde und KAB hatten beschlossen, diese Veranstaltung nur noch alle 2 Jahre durchzuführen

26.9. 1993: 11. Schnadgang; knapp 50 Teilnehmer ; NW-Grenze

8.10.1995: 12. Schnadgang, knapp 50 Teiln., nördliche Grenze

3.10.1997: 13. Schnadgang, Pöppelschetal, Zusammentreffen mit Nachbarn aus Eikeloh, Westereiden und Bökenförde, Abschluss an der Mühle mit Einweihung des Mühlenschuppens, Musik: Jagdhornbläserkorps Erwitte, 57 Teiln.

26.9.1999: Schnadgang entlang der westlichen Grenze, Begutachtung des frisch restaurierten Kreuzes im Pöppelschetal; Gewitter in Höhe des Domhofes;  ca. 50 Teilnehmer. Beschluss, die Schnadgänge fortan immer in den ungeraden Jahren am Tag der Deutschen Einheit stattfinden zu lassen.

3.10.2001: 15. Schnadgang entlang der nördlichen Grenze, knapp 60 Teilnehmer, darunter erstmals auch Bürgermeister  Fahle; Begrüßung einer Abordnung aus Bökenförde.

 

 

  • VI. Ausblick

Der Schnadgang am 3.10.2003 wird an der nordwestlichen Grenze von der Gärtnerei Merschmann bis zur Erwitter Warte verlaufen. Mit diesem 16. Schnadgang haben wir die Gemarkung in der Neuzeit dann 4 Mal umrundet. Möge dieser traditionelle Brauch auch weiterhin gepflegt werden und der Stärkung des Zusammenhalts in unserem Ort dienen!

 

 


[1] Nach Herkunftwörterbuch des Duden, Mannheim 1963

[2] vgl. dazu: Herbold, Hermann, Der Arnsberger Stadtwald, in: 750 Jahre Arnsberg, Arnsberg 1989, S. 451ff, hier S. 452

[3] ebd. S.452 und 456

[4] für Fassbinder, Schreiner und Radmacher

[5] für Stauwehre und Uferbefestigungen

[6] Pottasche für verschiedene pharmazeutische Rezepte sowie zum Waschen; Holzhohle

[7] ebd. S. 462

[8] Klemens Pröpper: Vom Schnadegang; in: 750 Jahre Arnsberg, Arnsberg 1989, S. 554ff., hier S.554; Willi Mues aus Erwitte hat schon mehrmals bei Schnadgängen erzählt, dass man teilweise auch den Kleinkindern den „Hintern an Ort und Stelle versohlt“ habe, damit sie die Stelle nicht mehr vergaßen.

[9] vgl. dazu: Molitor, Elfriede/Marcus, Wolfgang, Die Westernkötter Warte – für mehr als 400 Jahre begann hier das Ausland; in: Heimatblätter 1999 (79. Jg.), S. 113-119

[10] in diesem Bereich stehen auch noch mindestens zwei alte Grenzsteine aus der Zeit um 1930 (quadratische Blöcke mit etwa 40 cm Kantenlänge)

[11] mit den Erweiterungen nördlich der Gieseler

[12] vgl. Marcus, Wolfgang, im Heimatbuch von 1987, S. 10

[13] in: 1100 Jahre Erwitte, Münster 1936, S. 250

[14] Akten G1f im Stadtarchiv Rüthen, hier zitiert nach: Schützenverein Sankt Georg Westereiden (Hg.), 125 Jahre Schützenverein Westereiden, Lippstadt 1984, S.37-41; vgl. dazu meinen Aufsatz in „Vertell mui watt“ Nr. 46 vom Januar 1998

[15] wie Anm.13, S. 251 – 253

[16] Bad Westernkotten. Ein Heimatbuch, Lippstadt 1958, S. 47 – 51, unveränderter Nachdruck des Aufsatzes von Rudolf Steimann: Ein Jagdschnadezug vor 200 Jahren, in: HB 13 (1931), S. 42

[17] zitiert nach Pröpper, wie Anm.8, S.556

[18] Bad Westernkotten. Ein Heimatbuch, Lippstadt 1958, S. 67/68

[19] nähere Angaben sind u.a. den entsprechenden Presseberichten im „Patriot“ bzw. den seit 1993 erstellten Jahreschroniken (im Stadtarchiv Erwitte) zu entnehmen.