Lanhenke, Heimatvertrieben

Heimatvertrieben –

Neues Zuhause in Bad Westernkotten

Margot Lanhenke

 

[aus: Aus Kuotten düt un dat 1990, Nr. 35)

8. Mai 1945: Der Krieg Ist zu Ende! 10. Mai 1945. Heute ist Mamas 50. Geburtstag. Da geht ein Schrei durch unsere kleine Stadt: Die Russen kommen!  Und schon rollen die Panjewagen mit alkoholisierten russischen Soldaten durch unsere Straße. Alle Haustüren werden verriegelt, aber alles umsonst! Das Schicksal vieler deutscher Frauen jeden Alters ist besiegelt!

Herbst 1945: Es hatte kein Mensch an die Möglich­keit gedacht, dass jemals unser Land unter Polnische Besetzung geraten würde. Doch plötzlich  war es so weit. Die kleine Eulengebirgsbahn war täglich überfüllt, fremde anders sprechende Menschen überfluteten unser Städtchen, jagten die Deutschen aus ihren Wohnungen und nahmen alles in Besitz. Die Menschen, die ihre Wohnungen verlassen mussten, wurden von anderen Familien aufgenommen, und so waren manchmal bis zu drei Familien in einer Wohnung. Schlimm war der Hunger. Es gab überhaupt nichts zu essen. Mancher versuchte, bei den Bauern etwas zu bekommen, aber die Polen. die auch die, Bauernhöfe besetzt hatten, jagten die Deutschen von den Höfen. In jedes Haus wurde

ein polnischer Verwalter gesetzt. der jetzt über Alles das Sagen hatte. Es war eine schlimme Zeit. Misshandlungen und Plünderungen gehörten zur Tagesordnung.

Februar 1946: Es geht das Gerücht um, die Polen wollen die deutsche Bevölkerung aussiedeln.

Keiner will es glauben. Doch da hat jemand, der bei den Polen arbeiten muss. im Radio über das Potsdamer Abkommen gehört und von dem Beschluss der Großmächte, dass alle Deutschen Schlesien, Ostpreußen, Westpreußen und Pommern verlassen müssen. Unsere Hoffnung waren die Amerikaner und Engländer, wir waren davon überzeugt, dass Sie es nicht zulassen würden, dass zwölf Millionen Menschen ihre angestammte Heimat verlassen müssten. Und so vergingen die Tage. In der Hoffnung dass die Polen unser Land eines Tages wieder verlassen müssten ertrugen die Deutschen alle Gewalttätig­keiten. Doch dann, in den letzten Februartagen. ging die Schreckenskunde durchs Städtchen, in Glatz. unserer Kreisstadt, wurde schon evakuiert. Trotz der Befürchtung, erwischt und schwer bestraft zu werden, machte sich einer auf den Weg, um sich mit eigenen Augen zu überzeugen, ob das Gerücht Wahrheit ist. Und wie war es Ist!

Auf dem Hauptbahnhof steht ein endlos langer Zug bestehend aus Viehwaggons, voll gepfropft von Menschen. Niemand weiß, wohin die lange Fahrt gehen wird. Einige sprechen vom Westen, andere sind überzeugt, man bringt uns nach Sibirien. Die Ungewissheit Ist schrecklich. Da bekamen die Handwerker von der polnischen Miliz ein Dokument, worauf in polnischer Schrift

’stand, dass die Besitzer dieses – Schreibens nicht ausgesiedelt würden. Noch nicht, denn die Arbeit musste nur von den Deutschen getan werden. Und dann war es auch In Wünschelburg, meiner Heimatstadt, so weit. ‚Es wurde bekannt gegeben, dass die Leute In einer viertel Stunde auf der Straße stehen müssten. Unter schärfster Strafe wurde angeordnet, dass jeder nur 20 kg Gepäck mitnehmen darf. Die Menschen waren so kopflos, dass sie nicht wussten, was sie einpacken sollten. Wir halfen. wo wir nur konnten, In dem sicheren Gefühl: „Wir können ja noch bleiben!“ Dann setzte sich der Treck in Bewegung. 24 km nach Glatz zum Hauptbahnhof.

Heute ist der 14 März 1946: Traurig gehen wir ins Haus, ob wir unsere Bekannten und Nachbarn noch‘ einmal wieder sehen? Wo wird der Leidens­weg enden? Da wird unsere Tür aufgerissen. Drei schwer bewaffnete Polen stehen In der Stube und schreien:“ Raus, raus, sofort raus!“ Mein Vater zog das, Dokument aus der Tasche; ohne zu lesen, wurde es zerrissen. Wir mussten unser Haus verlassen nur mit dem, was wir auf dem Körper trugen. Wir hatten keine fünf Minuten Zelt! Traurig und fassungslos, so erbärmlich die Heimat verlassen zu müssen. schauten wir noch einmal zurück auf die geliebten Berge. Es war die Vertreibung aus dem Paradies! Nach Mitter­nacht hatten wir Glatz zu Fuß erreicht. Mit dreißig Menschen teilten wir uns den Viehwaggon; die Tür wurde von außen verriegelt, der Zug _ setzte sich in, Bewegung, kleine Kinder schrieen vor Hunger und Durst, aber es gab nichts. Auf dem harten Boden versuchten einige zu schlafen. aber man.. hatte ja kaum Platz zum Sitzen. Die erste Nacht war lang und voller Ungewissheit. Irgend­wann hielt der Zug an, .und wir konnten 10 Minuten raus. Da war ein langer Balken über einen Graben angebracht, man kann es heute nicht mehr glauben, aber es war die Toilette für viele, viele Menschen. Unwürdiger ging es nicht mehr! Der Zug setzt seine Fahrt fort und jemand sagt: „Es geht doch nach Westen!“ Er hatte es In Glatz erfahren. Und wirklich, der Zug hält an, es ist Görlitz. Polnische Milizsoldaten reißen die Waggontür auf und nehmen den deutschen Menschen die letzten Habseligkeiten weg. Es war das letzte Mal, dass wir polnischer Willkür ausge­setzt waren! Weiter geht es dann über die Eibe. Sie war die Grenze, und auf der anderen Seite bekamen wir englische, Zugbegleitung. Alle wurden registriert und erhielten einen Flüchtlings­meldeschein, und trotz lauten Protests wurden wir mit einem Ungeziefer- und Desinfektionsmittel bestäubt. Dann endlich nach 3 Tagen auch etwas zu essen und trinken. Die Fahrt geht weiter, durch Sachsen In Richtung Helmstedt. Dort hatte die Viehwaggonfahrt endlich ein Ende. Die total verschmutzten Menschen hatten nun Gelegenheit, sich im Durchgangslager zu säubern und zu erfrischen. Hier trennten sich auch die Lebenswege der Wünschelburger. Sie wurden In alle Winde verstreut! Mit dem Personenzug kamen wir dann nach Siegen. In diesem Lager wurden wir ärztlich untersucht, und weiter ging es dann nach Hamm und Lippstadt. Hier standen Lastwagen bereit, welche die Vertriebenen In alle umliegenden Orte brachten. Und so kamen wir nach Westernkotten!

Samstag, 23. März 1946, 11 Uhr: Ankunft in Westernkotten. Wir waren acht Tage unterwegs. Der Saal bei Dietz war unser erstes Zuhause. Da wurde Stroh ausgebreitet, und die Familien konnten das erste Mal wieder lang ausgestreckt schlafen. Es war wundervoll! Da waren ein paar Westernkötter Frauen, die kochten für uns Im großen Wäschekessel in der Waschküche Runkel­suppe, es war kein Fett darin, aber für uns ausge­hungerte Menschen war das das schönste Essen. Dann kam Fr!. Bals, sie brachte allen einen Löffel, eine Tasse und eine Decke. Es war himmlisch, wir besaßen‘ wieder eigenes Geschirr und konnten uns nachts auch wieder zudecken. Nach 14 Tagen bis drei Wochen sagte man: Jetzt bekommt Ihr ein Zimmer hier Im Dorf! Der Bürgermeister, Herr Franz Rieke, und der Gemeinderat hatten es nicht leicht, denn es mussten Wohnraum beschaffen.

Viele Einheimische hatten kein Verständnis für die fremden Menschen, von denen man nichts wusste und warum sie überhaupt hierher gekommen sind. Denn sie waren nicht darüber aufgeklärt, dass die Menschen, die sie nun aufnehmen sollten, Opfer einer Zwangsausweisung waren.

Von all dem, was sich Im Laufe des vergangenen Jahres In Schlesien und anderswo unter der polnischen Besetzung für Schreckliches abgespielt hatte, war gar nichts bis hierher gedrungen. Manche wunderten sich über unsere gute deutsche Sprache; denn sie glaubten, Schlesien läge in Polen! Aber gerechterweise möchte Ich hier auch betonen, dass es auch vorurteilslose Einheimische gab, welche freiwillig ein Zimmer zur Verfügung stellten. Wir persönlich hatten auch das Glück, bei solchen guten Menschen unter zu kommen. Aber da standen wir dann In einem leeren Raum und wussten nicht, wie es weiter gehen sollte. Mein Vater, der Tischlermeister Paul Schreiber, fand gleich bei Anton Schäfermeier ein offenes Ohr. Er machte sofort Möbel und einen Ofen aus Eisen bei Franz Köneke. Nach und nach bekamen wir auch etwas Geschirr und endlich konnten wir auch wieder mal Kartoffeln kochen. Viel mehr gab’s nicht! Mit der Verpflegung war es immer noch schlecht. Die Flüchtlinge arbeiteten dann auch bei den Bauern in der Landwirtschaft um sich Naturalien zu verdienen. Nach der Ernte sah man überall auf den Feldern die Frauen und Kinder Ähren auflesen, um sich auch etwas Mehl mahlen zu lassen. Was gab’s noch? – Trockenes Brot und Rübenkraut.

1946 im Sommer bekam ich eine Stelle im Haus­halt bei voller Verpflegung und 15,- DM im Monat. Da konnte ich mich seit langer, langer Zelt endlich wieder satt essen. Es war ein Jahr des Neuen! Man lernte die Menschen hier kennen, und ganz langsam wurde das Verhältnis auch besser, denn die Einheimischen mussten erkennen, dass die Heimatvertriebenen tüchtige, verlässliche und arbeitsame Menschen waren, und die Vor­urteile wurden langsam abgebaut. Zahllose Ehen zwischen Alt- und Neubürgern besiegelten die Eingliederung. Später wurde auch dafür gesorgt, dass die Vertriebenen ein Stückchen Land bekamen, worauf sie sich ein Häuschen bauen und dadurch eine neue Heimat schaffen konnten. Aber trotz allem denken wir voller Wehmut an die geliebte alte Heimat in Schlesien zurück: Traurig rauscht die alte Linde und der Brunnen ist jetzt stumm, fortgeweht in alle Winde, die einst tanzten drum herum.