Probst, Lehrer u. Heimatforscher

Wilhelm Probst: Schulmeister, Organist und Heimatforscher in Westernkotten

von Wolfgang Marcus (Bad Westernkotten)

Vorbemerkungen

Vor 40 Jahren, am 1. Juli 1957, starb Hauptlehrer Wilhelm Probst in Westernkotten. Anfang Juli 1997 habe ich seinen schriftlichen Nachlaß geordnet und anschließend dem Stadtarchiv Erwitte im Rahmen eines Hinterlegungsvertrages übergeben.[1]

Wilhelm Probst, am 11.Mai 1886 in Hüsten geboren, trat mit Wirkung vom 1. April 1912 die Stelle des Schulleiters in Westernkotten an und hatte sie bis zum 1. Oktober 1951, also fast 40 Jahre, inne. In seinem Nachlaß[2] fand ich in einer Kladde unter dem Datum 13.3.1938 das folgende Gedicht, wohl aus seiner Feder, das sein pädagogisches Ethos gut widerspiegelt:

„Kinder sind Rätsel von Gott

Und schwerer als alle zu lösen.

Aber der Liebe gelingt’s,

Wenn sie sich selber bezwingt.“[3]

In der langen Zeit als Hauptlehrer hat er sich auch als Organist an der Orgel der Pfarrkirche St. Johannes Evangelist einen Namen gemacht. Beide Bereiche, sein Lehrer- und sein Organistenamt, sind bereits an verschiedenen Stellen gewürdigt worden.[4]

Weniger gewürdigt wurde bisher das Engagement auf dem Gebiet der Heimatforschung und Heimatpflege. Bei der Sichtung des Materials ist mir hier deutlich geworden, dass Probst vor allem viel Volkskundliches wie Dorfsagen und historisches Brauchtum aufgeschrieben hat und dabei ein brillianter Erzähler war, wobei er – pädagogisch geschickt – Geschichte in Geschichten, also in narrativer Form, präsentierte. Hier zeigt sich, dass er historische Forschung nicht als bloße Rekonstruktion und Reproduktion vergangener Ereignisse verstand, sondern immer als gestalterischen, kreativen Prozess.

Diese künstlerische Gestaltungsfähigkeit kommt übrigens auch in vielen selbstgemachten Kindergedichten und Versen zum Ausdruck, die er anscheinend besonders in der Arbeit mit stotternden Kindern, die ihm sehr am Herzen lagen, eingesetzt hat.

Im folgenden möchte ich einen kurzen Überblick über das heimatkundliche Wirken von Wilhelm Probst geben. Anschließend soll er selbst mit einigen bisher unveröffentlichten Texten aus seinem Nachlaß zu Wort kommen. Es ist beabsichtigt, dies in unregelmäßiger Folge in den ‘Heimatblätter‘ fortzusetzen.

 

Der Heimatforscher Wilhelm Probst

Wilhelm Probst war, wie schon gesagt, kein gebürtiger Westernkötter. Bevor er 1912 an die Schule nach Westernkotten kam, wo er sich gleich (1914) um den Schulneubau (das jetzige Paul-Gerhardt-Haus) kümmern mußte, war er 6 Jahre in Völlinghausen tätig gewesen, kannte also zumindest die nähere Umgebung.

Sein Lehrerberuf brachte ihn dann aber sehr schnell mit der Heimatgeschichte in Verbindung, gab es doch damals noch nicht das Fach „Sachunterricht“, sondern noch wirkliche „Heimatkunde“. So hat er sich wohl umgehend mit der damals noch nicht besonders aufgearbeiteten Heimatkunde und Heimatgeschichte auseinandergesetzt. Und nach Ausweis vieler seiner damaligen Schüler waren Rechnen und Heimatkunde seine Lieblingsfächer.

Aus der Ehe von Wilhelm Probst mit Elisabeth Moneke sind 5 Kinder hervorgegangen: Clara (die spätere Franziskanerin Schwester M. Brunhilde), Else, Hedwig (später verheiratete Dieckhoff), Willy (Zahnarzt in Bad Westernkotten) und Cäcilie (später Lehrerin in Böckum und Erwitte). Besonders seine Tochter Hedwig scheint sein Interesse für die Heimat mit dem Vater geteilt zu haben: 1934 schrieb sie in säuberlicher Sütterlin-Schrift eine umfangreiche sog. Jahresarbeit mit dem Titel „Heimat. Ich schaue dein Einst und dein Jetzt. Beitrag zur Heimatkunde Westernkottens“, die nicht unwesentlich von ihrem Vater beeinflußt sein dürfte. Diese Arbeit ist nach meiner Ansicht die erste Arbeit, die – abgesehen von einzelnen Fachaufsätzen zu Teilbereichen – anfanghaft systematisch wichtige Dinge zur Geschichte Westernkottens zusammenstellt!

Im Jahre 1935 feierte die kath. Kirchengemeinde Westernkotten den 300sten Lobetag. „Aus Anlaß des Jubiläums war in der Schule auf Initiative von Herrn Hauptlehrer Probst eine interessante heimatkundliche Ausstellung.“[5]

Um diese Zeit begann Bauer und Heimatforscher Heinrich Eickmann, der im gleichen Alter wie Wilhelm Probst war, seine ersten Forschungsergebnisse zu veröffentlichen. Der erste Aufsatz von Eickmann, „Dorfrechnung Westernkotten 1759″, erschien 1935 in den Heimatblättern, der Beilage zum Patriot. Probst hat später viel mit ihm zusammengearbeitet.

Auftrieb für die Heimatforschung in Westernkotten hat dann sicherlich die 1100-Jahr-Feier Erwittes im Jahre 1936 gegeben. So erschien in diesem Jahr ein umfangreiches, von Fachleuten wie Franz Herberhold und Albert Wand erstelltes, mehr als 500 Seiten umfassendes Heimatbuch, das auch zahlreiche Aspekte zur (Bad) Westernkötter Geschichte enthält.[6] Wilhelm Probst hat sich bemüht, auch zwei Beiträge in diesem Buch unterzubringen, ‘Hausinschriften in Westernkotten‘ und ‘Der Hüttenhase. Eine Spukgeschichte aus Alt-Westernkotten‘, erhielt aber am 16.5.1936 vom Bürgermeister Maurer einen zwar wohlwollenden,aber doch ablehnenden Bescheid. Bürgermeister Maurer: „Beide Arbeiten habe ich mit großem Interesse gelesen und kann nur sagen, dass beide geeignet sind, in einem Heimatbuch veröffentlicht zu werden…Hoffentlich wird es einmal möglich sein, Ihre heimatgeschichtlichen Arbeiten, die Sie in den vergangenen Jahren niedergeschrieben haben, zusammenhängend mit der Heimatgeschichte von Westernkotten oder des weiteren Heimatgebietes zu veröffentlichen.“[7]

Die erste Veröffentlichung von Wilhelm Probst war nach meinen Recherchen ‘Der Hüttenhase‘. Er wurde 1938[8] im „Patriot“ dargeboten.

1944 veröffentlichte Wilhelm Probst seinen ersten Beitrag in den Heimatblättern, und zwar einen Vortragstext „Geschichte Westernkottens“[9].

Ingesamt sind nach meinen Nachforschungen[10]  von Wilhelm Probst noch folgende 10 Erzählungen veröffentlicht worden:

– Er behauptet seinen Platz; in: Heimatblätter (HB) 1950, S. 17

– Kötter Lowedag; in: HB 1950, S. 34

– Schwarz geschlachtet; in: HB 1950, S. 55

– Dachdecker-Bräuche (Arbeitsvertrag auf der Dachpfanne); in: HB 1951, S. 62/63

– Das Kränzchenreiten. Fastnachtsbrauch in Westernkotten; in: HB 1952, S.14

– Im Muckenbruch; in: HB 1952, S. 85

– Noch eine Weihe; in: Heimatbuch des Kreises Lippstadt Bd. 3, 1952, S. 183/84

– Eine Schulklasse wird entlaust; in: HB 1955, S.64

– En Hiemd; in: HB 1956, S. 63

– Der Anstreicher; in: HB 1957, S.112 (am 28.7.1957 erschienen, also 4 Wochen nach seinem Tod).[11]

Bereits gegen Ende seiner Schulzeit hatte sich Probst zusammen mit einigen Mitstreitern für die Gründung eines Heimatvereins stark gemacht. Als im Dezember 1950 im Saale Dietz ein „Heimat- und Verkehrsverein Westernkotten“ gegründet wurde, wählte die Versammlung Heinrich Eickmann zum ersten Vorsitzenden, Bürgermeister Duwentester zu seinem Stellvertreter, Lehrer Gunkel zum Geschäfts- und Paul Gerling  zum Kassenführer. Wilhelm Probst, damals 64 Jahre, erhielt das Amt des Arbeitskreisleiters im ‘Heimatausschuß‘.[12]

Wilhelm Probst hat auch das Kreisheimatmuseum mit umfangreichen Ausstellungstücken unterstützt, die er dem Museum kostenlos zur Verfügung stellte.[13]

Gegen Ende seines Lebens hat sich Wilhelm Probst noch an den konkreten Vorbereitungen der 700-Jahr-Feier Westernkottens im Jahre 1958 und besonders der Herausgabe eines entsprechenden Heimatbuches beteiligt. Beides hat er nicht mehr erlebt, er starb im Alter von 71 Jahren am 1. Juli 1957.

Im Heimatbuch von 1958[14] ist er bei den Mitarbeitern, die das Buch erstellt haben, auf Seite 208 noch erwähnt. Leider sind aber die einzelnen Beiträge des Buches nicht namentlich gekennzeichnet, so dass nicht immer genau zu erkennen ist, welche Teile von ihm stammen. Auf jeden Fall hat Bad Westernkotten mit Wilhelm Probst einen Heimatforscher gehabt, der – wie Bürgermeister Schäfermeier am Grab ausführte – „uneigennützig im Dienst an der Gemeinschaft“ tätig gewesen ist.[15]

In seinem Nachlaß[16] fand ich folgendes Gedicht von Ernst Moritz Arndt, das seine Heimatverbundenheit anschaulich auf den Punkt bringt:

„Glücklich, wer nicht kreuz und quer gelenkt,

wer der Heimat seine Kräfte schenkt,

daß er wiederum gekräftigt werde

von dem Liebeshauch der Heimaterde.“

 

Textbeispiel: ‘Das Geldfeuerchen im Muckenbruch‘

von Wilhelm Probst  (+1957)

[siehe Anlage]

 


[1] Auch von dieser Stelle seiner Schwiegertochter Thekla Probst geb. Redeker nochmals herzlichen Dank für die Überlassung des Materials.

[2] Vorl.Nr. 1

[3] Vielen Bad Westernköttern ist allerdings eher seine Strenge denn seine Güte als Lehrer in Erinnerung, aber das soll hier nicht weiter thematisiert und bewertet werden.

[4] Tönsmeyer, Hans-Dieter, Schulgeschichte der Gemeinde Bad Westernkotten. Von den Anfängen bis zum Jahre 1978; in: Bad Westernkotten. Altes Sälzerdorf am Hellweg, Lippstadt 1987, S.326-352;bes. S.338ff

ders.; in: Laurentiusschule Erwitte, Festschrift. Lippstadt 1978, S. 50-83

Marcus, Wolfgang; Organisten an Sankt Johannes/Evgl. Bad Westernkotten; in: Förderverein Kirchenorgel Bad  Westernkotten (Hrsg.) Festschrift zu Einweihung der neuen Speith-Orgel am Sonntag, 11.2.1996, S. 18 und 19

[5] Koch, Karl-Heinz, Zur Geschichte der Pfarrgemeinde (Bad) Westernkotten 1902-1987; in: Bad Westernkotten. Altes Sälzerdorf …, S. 304-318, hier S. 306; vgl. auch Patriot v. ?.Juli 1935

[6] Stadt Erwitte (Hrsg.), 1100 Jahre Erwitte, Münster 1936

[7] Nachlaß Nr.1

[8] genauere Angaben fehlen

[9] Heimatblätter 26 (1944), S. 78

[10] vor allem in der von mir angelegten Bibliographie zu Bad Westernkotten, unveröffentlichtes Manuskript, Bad Westernkotten 1996

[11] Von seiner Tochter Hedwig erschien 1958 noch „Westernkötter Lobetag“ in der von Schulrat Wulfert herausgegebenen Schrift „Hellweg und Haar“.

[12] Patriot v.22.12.1950

[13] undatierter Zeitungsbericht im Nachlaß Probst Nr.1

[14] Gemeinde Bad Westernkotten (Hrsg.), Bad Westernkotten. Ein Heimatbuch. Lippstadt 1958

[15] Patriot v. 5.7.1957

[16] Nr.1