Jugendseelsorge (Koch)

[aus der Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der kath. Kirchengemeinde 2002]

 Jugendseelsorge und Jugendarbeit

Von Karl-Heinz Koch

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Aus den allerersten Jahren des Bestehens unserer Pfarrgemeinde finden sich weder im Pfarrarchiv noch in der Kirchenchronik Informationen über Jugendseelsorge und Jugendarbeit. Wir können aber mit Sicherheit davon ausgehen, dass sich die damaligen Seelsorger, zumal der erste Pfarrer Franz Bokel, auch um die Jugend bemüht haben.

1911 erwähnt dieser Pfarrer erstmalig in der Chronik eine große Veranstaltung, an der die Jugendlichen teilgenommen haben. Es heißt dort: „Am 10. September fand hier auf dem Schützenplatz ein … Arbeitertag statt, welcher von katholischen und evangelischen Arbeiter- und Jünglingsvereinen aus der Umgebung stark besucht war. Herr Ferdinands und Herr Pfarrer Bokel hielten Begrüßungsansprachen. Herrn Erdmann – Hamm, evangelisch – wurde die Leitung übertragen. Redakteur Elfers und Gewerkschaftssekretär Koster, Gevelsberg, hielten ausführliche und vorzügliche Referate.“

Vom regen Leben kündet bereits die nächste Eintragung aus dem Jahre 1913: „Am 17.August (Maria Himmelfahrt) wurde hier der Verbandstag der Jugendvereine der Dekanate Geseke – Rüthen – Büren gefeiert. Das Fest nahm einen glänzenden Verlauf. Die Turner von Westernkotten wurden in großer Zahl durch Preise ausgezeichnet.“

Unter Pfarrer Ronnewinkel wurde 1915 die „Marianische Jungfrauenkongregation“ gegründet, die Jahrzehnte hindurch segensreich arbeitete.[1]

1916 notierte Pfarrer Ronnewinkel in der Kirchenchronik: „An den Weihnachtsfeiertagen hielt Herr P. Guardian Benno Paffrath für die Männer und Jünglinge ein Triduum. Jeden Abend fand eine besondere Predigt für diese statt. Zum Schluß wurden die Männer und Jünglinge eingeladen, sich zu einem Männerapostolate zusammenzuschließen. Das Männerapostolat wurde dann auch mit 36 Mitgliedern gegründet.“

Am 15. August 1919 wurde dann unter Pfarrer Ronnewinkel eine „Jünglingssodalität“ ins Leben gerufen. Alle Unterlagen über die Jünglingssodalität in Westernkotten, wie Satzungen, Protokolle usw., sind – wahrscheinlich in den Wirren der NS-Zeit – verloren gegangen.

Die Dokumentationsstelle kirchlicher Jugendarbeit im Jugendhaus Hardehausen sandte uns eine Kurzcharakterisierung der Jünglingssodalitäten. Darin heißt es u.a.: „Mit ‚Sodalitäten‘ wurden ähnlich den Marianischen Kongregationen bis zum Durchbruch der katholischen Jugendbewegung die traditionellen Organisationen der kath. Jugendseelsorge bezeichnet. Aufgrund der sozialen Umwälzungen durch die zunehmende Industrialisierung waren diese Jugendbündnisse neben der religiös-sittlichen Erziehung auch durch die soziale und auf die berufliche Situation der Jugendlichen bezogene Bildungsaufgaben herausgefordert. Zahlenmäßig bildeten diese Sodalitäten und Kongretationen zweifellos die Mehrheit der katholischen Jugendorganisationen. Die Jünglingssodalitäten gehörten in das Umfeld des kath. Vereinswesens, orientiert am Modell der Gesellenvereine Adolph Kolpings. Die Marianischen Kongregationen waren als kath. Mädchenorganisationen geläufiger.“

An ihre Tätigkeit in der Marianischen Jungfrauen-Kongrgation erinnern sich Elsbeth Deimel, Magdalene Jesse und Albertine Lange:

„Mit 14 Jahren (nach der Schulentlassung) wurden wir geschlossen in die Jungfrauenkonggregation aufgenommen. Die Kongregation war schon 1915 von Pfarrer Ronnewinkel gegründet worden.

Als wir Mitglieder wurden, war schon Nazi-Zeit. Wegen des Konkordates zwischen der Kirche und dem Deutschen Reich konnte unser Verein nicht verboten werden. Aber wir durften uns nur in kirchlichen Räumen treffen. Wir versammelten uns vierzehntägig im Keller des Pastorats. Es war ein kleiner, niedriger Raum, in dem auch die Bücher der Borromäus-Bibliothek untergebracht waren. Wir begannen unsere Treffen mit einem Gebet oder mit einem Lied. Unsere Tätigkeiten waren meist religiös ausgerichtet: Mitarbeit in der Pfarrgemeinde, sonntäglicher Messbesuch, monatliche Kommunion, Teilnahme an den Prozessionen, Tragen der Muttergottes-Statue in der Lobetagsprozession. Beliebt waren bei uns auch die jährlichen sechs Aloysianischen Sonntage. (Der heilige Aloysius war für die katholische Jugend Vorbild für Keuschheit.)

Vikar Brüggemann verstand es, uns gute Literatur nahe zu bringen. – Trotz politischen Drucks haben wir aber keineswegs nur rein religiös gearbeitet. „Weltliche“ Elemente wie Gesang, Vorlesen, Erzählen, Diskutieren, Theaterspielen, Ausflüge waren selbstverständlich. Selbstverständlich waren jedoch auch Gebet, religiöser Gesang, Meßbesuche (auch werktags), Wallfahrten, Teilnahme an der ewigen Anbetung und am vierzigstündigen Gebet.

Bei einer unserer Versammlungen wurden wir durch das Kellerfenster von Hitlerjungen aus Eimern mit Wasser beschüttet. Solche Schikanen haben uns nicht ermutigt. Fröhlich machten wir weiter.“

 

Am 14. Mai 1930 wurde in Westernkotten eine Abteilung der Deutschen Jugendkraft (D.J.K.), Reichsverband für Leibesübungen in katholischen Vereinen gegründet. Präses des Vereins war Pfarrer Schreckenberg, erster Vorsitzender Josef Schäfer, Geschäftsführer Anton Maßolle (der spätere Pfarrer), der ein Protokollbuch führte, dem wir Berichte über die Tätigkeiten verdanken.

So wurde in dem neu gegründeten Verein zunächst Geräteturnen und Leichtathletik betrieben. Der Schützenverein stellte seine damalige Halle zur Verfügung. Darin waren die vom kath. Arbeiterverein gestellten Geräte (Reck und Barren mit Matten). Zweimal wöchentlich fanden sich turnlustige Jungen hier ein, „um ihre Muskeln von tagesmüder Arbeit zu stählen“. Darüber hinausgehende Versammlungen fanden im Lokal Dietz oder im „Schulsaal“ statt.

Später gehörten regelmäßig Fußball (3 Mannschaften), Theaterabende und Preisschießen zu den Vereinstätigkeiten. Dabei fehlten auch religiöse Veranstaltungen nicht. So heißt es im Protokoll einer Versammlung am 10. April 19..: „Der Präses gibt wertvolle Erklärungen über den Sühne-Bittgang und erinnert an die sorgenvolle Tage unserer Zeit, in der wohl sicherlich Grund, eine entsprechende Wallfahrt um die Mitternachtsstunde zum Gnadenbilde der Mutter Gottes nach dem nahen Bökenförde mitzumachen. Sämtliche Anwesende stimmten dem Aufruf des Bezirks zu und versprechen an der Wallfahrt mit Sühnehochamt und -kommunion in Bökenförde teilzunehmen.“

Am 2. Januar 1933 zählte der Verein bereits 56 Mitglieder.

Am Samstag, dem 3. September fand in Westernkotten ein Bezirksschülerfest der D.J.K. statt. Es nahmen insgesamt 100 Schüler teil aus Lippstadt, Lipperode, Hörste, Erwitte, Störmede und Westernkotten. – Nach einer Andacht um 13 Uhr erfolgte der Abmarsch zum Sportplatz. Ab 14 Uhr fanden die Wettkämpfe, Fußballspiele und Staffelläufe statt und gegen 18 Uhr die Siegerverkündigung und Preisverteilung.

Im letzten Jahresbericht des Protokollbuches heißt es u.a.: „Das verflossene Geschäftsjahr begann mit dem 10. Januar 1933 und endigt mit dem 4. März 1934… An Mitgliedern zählte der Verein zu Anfang des Geschäftsjahres 50, dagegen sind es am Ende des Jahres nur noch 12. Also ist ein Verlust von 38 Mitgliedern zu verzeichnen. Dieser Verlust ist eine Folge der politischen Neugestaltung Deutschlands …  Seit dem 1. Dez. 33 fanden keinerlei Vereinsveranstaltungen mehr statt.“

Vereinspässe, Wimpel, Protokoll- und Kassenbuch wurden versteckt und so vor der Beschlagnahme durch die Nationalsozialisten bewahrt. Das Protokollbuch blieb in der Obhut der Familie Massolle und stand somit für diesen Artikel zur Verfügung.[2]

                                

Alfred Hoppe, der vom 5. Schuljahr an die damalige Rektoratschule in Erwitte besuchte, erinnert sich in seiner Autobiografie an Ostern 1939, als seine früheren Klassenkameraden aus der Volksschule entlassen wurden:

„Meine ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschüler der Westernkötter Volksschule wurden in diesem Jahre aus der Schule entlassen… Schon Monate vorher wurden sie von Pfarrer Schreckenberg und Vikar Brüggemann auf ihren weiteren Lebensweg vorbereitet. Wenn es mir möglich war, habe ich den Entlassungsunterricht immer mitgemacht. Besonders unser neuer Vikar Brüggemann … verstand es, uns mit Humor und eindrucksvoller Pädagogik zu begeistern. Wir nahmen alle an der feierlichen Schulmesse teil, in der uns unser beliebter Vikar den Segen gab. Wir versprachen ihm auch, dass wir gerne bei jeder Angelegenheit zu ihm kommen würden … Unserem Vikar Brüggemann sind wir immer treu geblieben. Wir trafen uns fast jede Woche im Keller des Pastorats, wo die Bibliothek untergebracht war. In den Schulen war der Unterricht den Geistlichen nicht mehr gestattet.“

Einen Rückblick auf die Jugendseelsorge und Jugendarbeit in der NS-Zeit vermittelt auch ein Brief von Alfons Vogt, der 1940 als Vikar nach Westernkotten kam. Es heißt dort: „Zuweilen war ich auch mit der Jugend im Elisabethheim. Wegen der Behinderung durch die Nazis konnten die Zusammenkünfte nur religiöser Art sein, was aber sehr segensreich war. Wir benutzten auch zu kleineren Feiern die Kapelle des Hauses … Trotz der Behinderung und der Verfolgung führten wir Jugendarbeit im Keller des Pfarrhauses durch. Da die Jungmänner zum Wehrdienst eingezogen wurden, war die Beteiligung der Mädchenjugend besonders gut. Zu den Soldaten, die im Feld waren, hielten wir Verbindung … In der Gemeinde leitete ich auch einen gemischten Kirchenchor, der bei festlichen Anlässen sang. Mit den Kindern habe ich Kartoffelkäfer gesucht. Auf diese Weise konnte ich doch mit der Jugend auch außerhalb der kirchlichen Räume zusammensein. So mußte man die Arbeit unter der Jugend tarnen.“

Wenn auch wegen der NS-Zeit Jugendseelsorge und Jugendarbeit nicht in Form von regelmäßigen Veranstaltungen durchgeführt werden konnte, so wurden sie doch von guten Seelsorgern und von einer guten Gemeinde getragen. Die allermeisten Familien in Westernkotten waren gut. So konnte der als kritisch bekannte Vikar Konrektor Kley in die Pfarrchronik schreiben: „Die Gemeinde ist 100ig katholisch.“ In einer solchen Gemeinde ist die Jugendseelsorge niemals tot.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem zweiten Weltkrieg begannen Trude Remmert und Margarete Schütte mit schulentlassenen Mädchen die Arbeit der Frauenjugend. Singen, Spielen und Vorlesen waren Elemente der im alten Kindergarten stattfindenden Heimabende. Theaterspielen wurde vor allem in der Frauenjugendarbeit groß geschrieben. Reichlich Gelegenheit dazu boten die jährlichen Treffen der damaligen Mütter- und Frauengemeinschaft bei Kaffee und Kuchen in einem der beiden mit Bühne ausgestatteten Säle der Gaststätten. In Zusammenarbeit mit der Mannesjugend gelangten nachmittagsfüllende Laienspiele wie „Die Prinzessin Etepetete“ und „Das Gänseliesel und der Kuckuck“ zur Aufführung. Die Mädchen waren darüber hinaus jährlich selbstverständlich bereit, diesen „Mütterkaffee“ mit kleinen lustigen Stücken nett zu gestalten.

In der Arbeit der Mannesjugend engagierte sich wohl als erster Horst Hoppe, ein Verwandter der Familie Hoppe-Klosebaum. Der angehende Lehrer kam aus Berlin, wo er schon während des Krieges und danach katholische Jugendarbeit kennengelernt hatte. Er brachte viel Begeisterung mit, und es gelang ihm, sie auf die Westernkötter Jugend zu übertragen. Er sammelte Mannesjugend um sich und gründete eine Gruppe schulentlassener Jungen und junger Männer. Pfarrer Becker bejahte und unterstützte diese Arbeit. – Wie freuten sich die Jugendlichen auf den wöchentlichen Heimabend im Kellerraum der Pfarrbücherei. Inhalte des Gemeinschaftslebens waren Spiele, Vorlesungen aus dem damaligen katholischen Jugendorganen „Die Wacht“ und „Der Fährmann“, Erzählen, Gebet, Gespräche und vor allem Singen. Begeistert sangen die Jungen die für sie neuen Lieder, von Horst Hoppe auf der Klampfe begleitet. Reichlich Stoff enthielten die noch vorhandenen Liederbücher der DJK. Vertriebene und Flüchtlinge waren selbstverständlich integriert.

Die Jugendarbeit hat das Gemeindeleben bereichert.

Gestaltende Teilnahme an Gemeinschaftsmessen, Festgottesdienstes- diensten der kirchlichen Hochfeste, monatlicher Sakramentenempfang, Bannertragen bei Prozessionen und Bekenntnistagen der Jugend in Erwitte und Lippstadt waren für alle selbstverständlich. Darüber hinaus gab es Kontakte zu Nachbargemeinden, Dekanatstreffen der Führungskräfte, Triduen. Im Jugendhaus Hardehausen wurden Liturgieerfahrungen gemacht, neue liturgische Formen gefunden und eingeübt. Aus dem Reichtum der Jugendarbeit wuchsen neue Führungskräfte heran: Else Maßolle, Ursula Schramm, Irmgard Lanhenke, Walter Schütte, Karl-Heinz Koch, die wiederum jüngere um sich sammelten. Die Ordensschwestern boten im Elisabethheim eine Nähschule und Elemente einer Pflegevorschule.

Ministranten- und Jugendarbeit waren identisch. Herbert Altstadt begann mit den Meßdienern eine „Jungschargruppe“, die sich an der langen Saline oder im Pfarrhauskeller traf. Diese Gruppe fuhr unter der Leitung von Walter Schütte zum Diözesan-Pfingsttreffen in Schüren/Sauerland und zum großen Liborizeltlager 1949 in Paderborn. Geld für diese Fahrten und Lager verdienten sich die Jungen durch Aufführung von Laienspielen, die in erster Linie eine sinnerfüllte Freizeitgestaltung bedeuteten. Mancher mag sich noch erinnern an Spiele wie das Tarzisiusspiel „Zeugnis der jungen Kirche“, an die heiteren Stücke „Kaspar als Portraitmaler“ und „Die Zaubergeige“.

Im Januar 1953 bekam Pfarrer Becker seinen ersten Vikar: Joseph Pospiech und beauftragte ihn sofort mit der Jugendarbeit. Diesen Auftrag erteilte Pfarrer Becker später auch allen seinen Vikaren mit dem Erfolg mehrerer Höhepunkte in der Jugendseelsorge und Jugendarbeit. Leider blieben die Vikare nicht all zu lange, und je nach Begabungen und Talenten der meist jungen Priester änderten sich die Formen der Arbeit, für die sich Pfarrer Becker auch persönlich interessierte.

Auf Initiative von Vikar Pospiech wurde ein kath. Jungfrauenverein und ein kath. Jungmännerverein gegründet. Beide zählten viele engagierte Mitglieder. Auch die Ministrantenseelsorge blühte auf.

Die Zeitung „Der Patriot“ brachte am 27. November 1953 einen ausführlichen Artikel über eine Aktion, die zweifellos einen Höhepunkt engagierter Arbeit der Mannes- und Frauenjugend bedeutete. Es war die Zeit, in der viele Spätheimkehrer aus Rußland nach Hause kamen. In Nordrhein-Westfalen bot der Staat allen eine Kur in den Heilbädern Salzuflen, Waldliesborn oder Westernkotten an. Hier lobte die Presse mit Recht: „Zweifellos dürfte der Heimkehrerabend, den die katholische Pfarrjugend Westernkotten veranstaltete, beispielhaft dastehen. Denn dieser erste junge Kreis Jugendlicher brachte die Initiative und den Opfermut auf, 35 Spätheimkehrern einen Abend zu schenken, an dem diese und z.T. auch deren Angehörigen nicht nur eine ausgezeichnet ansprechende, abwechslungsreiche und humorvolle Folge von Liedern, Tänzen und Spielen geboten, sondern darüber hinaus auch in vorbildlicher Weise für das leibliche Wohl gesorgt wurde. Dankbar empfanden die Spätheimkehrer diese gute Tat, mit der die Pfarrjugend erneut, nachdem sie schon einige Theateraufführungen zum wiederholten Male hervorragend geboten hatte, an die Öffentlichkeit trat…“ Festlich gestimmt waren nicht nur die Heimkehrer und ihre Frauen, sondern auch die Gastgeber selbst, als sie nach Einbruch der Dunkelheit ihre Gäste zu dem Festabend abholten … Der Präses der Pfarrjugend entbot den Heimkehrern den Gruß der Gemeinde Westernkotten, die sich von herzen freue, den Männern, die harte Jahre hinter dem Stacheldraht fern der Heimat leben mußten, einen schönen Abend bieten zu können … Zwei Spätheimkehrer sprachen anschließend beim Schein der vielen Kerzen den Dank aller Kameraden aus. Beide brachten zum Ausdruck, dass dieser Abend mit zu den schönsten zähle, die sie seit ihrer Heimkehr hätten erleben dürfen…“

Am Ende der Kur schrieben Spätheimkehrer noch einmal in einem Brief: „In diesen Tagen, da wir das stille Westernkotten verlassen, drängt es uns, noch einmal der kath. Jugend zu danken.“

In diesen und den folgenden Jahren zog es die Westernkottener Jugend immer wieder auf die Theaterbühne. – Wer erinnert sich noch an „Pension Tullius“ und „Hauptmann Jaguar“? Der Gemeinde wurden aber nicht nur abendfüllende Stücke geboten, sondern auch gelungene bunte Abende.

Eine solche Veranstaltung erwähnte Pfarrer Becker sogar in der Pfarrchronik: „Die kath. Jugend von Bad Westernkotten nutzte die einzige kurze Pause im Kurbetrieb im Jahre und lud am 3. Januar die ganze Pfarrgemeinde zu einem frohen Pfarrfamilienabend ein; die beiden Säle waren voll besetzt. Mit Volkstänzen, Vorträgen und Darbietungen hat die Jugend allen Teilnehmern dieses Festes viel Freude bereitet.“

 

Eine Jugendgruppe aus Westernkotten fuhr mit Vikar Köster zum ersten Bundestreffen des Bundes der Deutschen Kath. Jugend (BDKJ), das vom 30. Juli bis zum 1. August 1954 in Dortmund stattfand. Es war für alle Teilnehmer ein besonders großes Ereignis und Fest. Die Westernkötter erlebten hier die Größe, Einheit und Vielfalt des BDKJ und lernten unter anderem Mitgliedsverbände (damals noch Gliederungen genannt) kennen, die es in Westernkotten (noch) nicht gab: die Pfadfinderinnen und Pfadfinder, den Mädchenbund Heliand, die Christliche Arbeiterjugend, den Bund Neudeutschland, die Kolpingjugend, die Katholische Landjugend und all‘ die anderen, die sich zum Bund der Deutschen Kath. Jugend zusammengeschlossen hatten. Über hunderttausend junge Katholiken bekannten sich zum „Gelöbnis von Dortmund“:

„Wir jungen Christen wollen den Bund der Deutschen Katholischen Jugend als Lebensschule nach Christi Lehre und Beispiele, als Jugendgemeinschaft des Gottsreiches voll Gnade und Freiheit. Als Jungkatholische Bewegung zur Erneuerung der Welt in Christi Auftrag und Heiligen Geistes Kraft….

Wir sind im Bund die Jugend Christi und glauben an sienen Sieg. Wir sind im Bund die Jugend der Kirche und glauben ans wachsende Reich. Wir sind im Bund die Jugend des Volkes und glauben an Deutschlands Sendung.

Als junge Generation treten wir ein …. Für die Rettung der Personenwürde gegenüber der nationalen und sozialen  Übertreibung im Kollektiv. Für die Errichtung einer internationalen Ordnung des Völkerfriedens. Für die Einigung der Völker Europas …

Darum bekennt sich der Bund zum Herrenwort: ,Einer ist euer Meister. Ihr alle seid Brüder.‘ Zum Herrengebet: ,Liebet einander.‘ Zum Herrentrost: ,Die Welt ist überwunden.‘ Brüder und Schwestern. Es lebe Christus in Deutscher Jugend. Ankomme sein Reich voll Gnade und Wahrheit. Anbreche sein Tag. Die wahrhaft Neue Zeit.“

 

Erwähnt werden sollte auch die Christliche Arbeitnehmer-Jugend (CAJ). Josef Cardijn, ein belgischer Priester, gründete mit wenigen Jungarbeitern diesen Verband, der zu einem der größten Jugendverbände der Welt wuchs. Diese apostolisch ausgerichtete Gemeinschaft setzte sich das Ziel: Rückgewinnung der jungen Arbeitermassen für Christus. Cardijn erkannte, dass die Apostel für diese Jugendlichen junge Arbeiterinnen und Arbeiter selbst sein müssen. – Westernkotten war so etwas wie ein Stützpunkt. In der Wohnung der Mutter von P. Cosmas Laumanns, liebevoll „CAJ-Mutter“ genannt, trafen sich u.a. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Diözesanleitung und auch der unteren Ebene.

In Westernkotten selbst gründete Heinz Spiekermann 1957 eine CAJ-Gruppe. Wenn sie auch nicht sehr lange bestand, so haben doch auch hier Jugendliche täglich das CAJ-Gebet gesprochen:

„Herr Jesus Christus, ich opfere Dir meinen Tag, meine Arbeit, meine Kämpfe, meine Freuden und Leiden. Lass mich wie auch alle meine Arbeiterbrüder und -schwestern denken wie Du, arbeiten mit Dir, leben in Dir.

Dein Reich komme in die Fabriken, die Werkstätten, die Büros, die Lager und in unsere Häuser…“

Nach 1960

Monika Hovemann erinnert sich an die Jugendarbeit in der Mädchenjugend von 1961 – 1963:

Unter Vikar Dr. Chang war schon eine Mädchengruppe aktiv. Im Bredenollhaus hielten wir unsere Gruppenstunden ab. Als dann im Jahre 1961 Vikar Klocke kam, motivierte er uns sehr für die Jugendarbeit. Es entstanden Gruppen für die Frohschar und Mädchen. Auch bildete sich eine gemischte Laienspielgruppe und einige von uns Mädchen erlernten das Gitarrenspiel. Nachdem unsere Schwestern „Arme Dienstmägde Christi“ leider unseren Ort verließen, wurde das Elisabethheim als Jugendheim umfunktioniert. Dort füllten sich die Räume mit regem Leben und Treiben der Jugend. Zu einem Höhepunkt wurde gemeinsam mit den Jungen das Laienspiel „Weihnachten auf dem Marktplatz“.

Zum Inhalt:

Eine Zigeunerfamilie nimmt in der Kälte am Heiligen Abend „Quartier“ mitten auf dem Marktplatz eines kleinen Städtchens. Einwohner des Ortes – als diese wurde die Zuschauer angesprochen – haben sich eingefunden; die Zigeuner nehmen zu ihnen Kontakt auf und beschließen, in der Zeit bis zum Beginn der Christmette ein Weihnachtsspiel aufzuführen.

„Weihnachten auf dem Marktplatz“ – Untertitel – Die Geheimnisse der Geburt und der Kindheit unseres Herrn.

Die einzelnen Mitglieder der Zigeunerfamilie müssen ihre eigene Rolle als Zigeuner spielen und wechselweise in verschiedene Rollen schlüpfen, z.B. der zwölfjährige Sohn der Zigeuner stellt einmal den Engel Gabriel, der Maria die Botschaft bringt, außerdem den Hirtenjungen an der Krippe und den zwölfjährigen Jesus im Tempel dar.

Unsere Mädchengruppe spielte auch kleine Theaterstücke zum „Mütterkaffee“ der Frauengemeinschaft. Weitere Höhepunkte waren die Tanznachmittage mit Unterhaltung in Form von kleinen Aufführungen. Diese Tanznachmittage wurden im Kurhaus, später auch auf Dekanatsebene in der Schützenhalle durchgeführt. Alle diese Veranstaltungen wurden rege besucht.

Wichtig zu erwähnen ist, dass wir – wie die Jungen – auch nach „Heiligenberg“ mit unseren Gruppen fuhren. Das war für uns  ja etwas ganz besonderes – Urlaub fahren war damals noch nicht so groß in Mode. In uriger Atmosphäre und in der freien natur unter einfachen Bedingungen verlebten wir dort herrliche Tage. Selbst das Kartoffelschälen machte unter Anleitung von „Mutter Klocke“ Freude und Spaß. Natürlich kamen Kirchenbesuche und religiöse Veranstaltungen auch nicht zu kurz.

Nachdem Vikar Klocke 1963 unseren Ort verließ, wurde es schwer, die Jugendarbeit in diesem Rahmen weiter zu führen.

                         

 

Max Schröfel berichtete über die Jugendarbeit in der Mannesjugend 1961 – 1963:

Als Vikar Kocke 1961 kam, waren die meisten von uns etwa um die 17 Jahre alt. Mit Jugendarbeit hatten wir bis dahin kaum Erfahrungen gemacht. Oder doch, da waren die beiden einwöchigen Fahrten als Messdiener ins Zeltlager nach Ringelstein und in den Hexenturm von Rüthen mit Karl-Heinz Koch (1955/56). Ja, diese Fahrten waren uns in guter Erinnerung geblieben. Aber in den letzten Jahren waren wir doch auf uns selbst gestellt gewesen.

Die erste große Amtshandlung Vikar Klockes war eine Einladung aller Jugendlichen ins alte Jugendheim in alte Bredenollhaus. Wir erschienen dort ohne große Erwartungen, mal sehen, was der Neue zu bieten hatte. Die Zusammenkunft hatte für uns ein unerwartetes Ende. Nach etwa zwei Stunden kamen wir als gewählte Vertreter der zukünftigen Leiterrunde heraus. Und das wir, die wir – wie schon gesagt – von Jugendarbeit keine Ahnung hatten.

Danach ging alles wie im Rausch: Führerkurse in Hardehausen wurden belegt, Jungschargruppen wurden gebildet, unsere Laienspielgruppe machte die Volkshalle mit „Weihnachten auf dem Marktplatz“ und der „Brautschau“ zum Volkstheater, mit dem Gesangverein veranstalteten wir zu Karneval Büttenabende in der Volkshalle. Unzählige Fahrten mit verschiedenen Jugendgruppen fanden statt. Die alljährlichen Dekanatsjungschartreffen bildeten nur einen Höhepunkt (In Anröchte gewann meine Gruppe mit dem Lied „Die Lappen hoch“ des Gesangswettbewerb). Unvergesslich aber auch unsere Aufenthalte auf „Heiligenberg“ bei Alfhausen (nahe Osnabrück). Vikar Klocke hatte dort einen abgelegenen Bauernhof zu einem – heute würde man sagen – Jugendgästehaus umgebaut. Das Programm wurde von gestaltet, die Küche und die oberste Aufsichtspflicht aber hatte „Mutter Klocke“. Wanderungen, Geländespiele, Lagerolympiaden und Lagerfeuer begeisterten die damaligen Jugendlichen.

Die zwei Jahre bis 1963 waren vollgepackt mit Aktivitäten und vergingen wie im Flug. Zwei Jahre sind für Jugendliche im Alter von 17 bis 21 Jahren eine lange Zeit. So kam es, dass nach der Versetzung Vikar Klockes sich bei vielen ein Interessenwandel eingestellt hatte. Die Leiterrunde machte mit Vikar Klocke eine schöne Abschiedsfeier und – löste sich auf.

Für uns war es eine wunderschöne Zeit, wir haben erfahren, was man mit Initiative und Engagement bewegen kann. Für mich stand nach dieser Zeit fest, das Jugendarbeit zu meinem Beruf werden wird. Nun ja, meistens macht mir mein Lehrerberuf ja auch heute noch Spaß.

 

                     Jugendarbeit in der Zeit von Pfarrer Gersmann (1966 – 1996) und Pfarrer Müller (1996 – heute)

Wenn auch die erfolgreiche Leiterrunde sich zunächst auflöste, wuchsen doch aus der Gruppe neue Führungskräfte nach, mit denen Pfarrer Gersmann Jugendarbeit aufbauen konnte.

Rudolf Hellemeier berichtete über diese Zeit:

„Wie früher zum geliebten Heiligenberg, so fuhren jetzt die Gruppen regelmäßig mit Pfarrer Gersmann nach Hardehausen, wo es auch gut war. Die Führungskräfte wurden dort geschult, und die Gruppen nahmen an den Zeltlagern teil.

In Bad Westernkotten fanden im ehemaligen Kindergarten Tanzabende und andere Veranstaltungen statt. Gruppenstunden waren immer noch im Keller des alten Pfarrhauses.“

1969 fuhren auch aus Bad Westernkotten regelmäßig Jugendliche nach Rietberg und halfen unentgeltlich und freiwillig im Franziskanerkloster bei den Baumaßnahmen für das geplante Jugendwerk Rietberg.

 

Über Formen der heutigen Jugendseelsorge – wie Jugendgottesdienste und Firmvorbereitung, wird an anderer Stelle informiert.[3]

 

Am 20.November 1971 wurde unter der Leitung von Heinz Lehmenkühler und Franz Olland in Bad Westernkotten ein Jungpfadfindertrupp gegründet. Seine erste Aktion war der Bau eines Kinderspielplatzes für das Jugendwerk Rietberg.

Dieser Neubeginn in der Jugendseelsorge und Jugendarbeit erwies sich als äußerst erfolgreich. Der Stamm „Franz von Assisi“ der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) in Bad Westernkotten zählt heute zu den größten und aktivsten Stämmen diesem dem Bund der Deutschen Kath. Jugend   (BDKJ) im Erzbistum Paderborn angeschlossenen Bundes. Die Pfadfinderarbeit in unserer Pfarrgemeinde war und ist für sehr viele Kinder und Jugendliche – nicht zuletzt in religiöser Hinsicht – ein wahrer Segen. Weitgehend verdankt die DPSG ihre Erfolge dem Engagement vieler erwachsener Leiter und Mitarbeiter.

Das Leben dieses aktiven Verbandes kreist jedoch keineswegs nur um sich selbst. Zahlreiche Aktionen zeugen von dem Dienst am Mitmenschen, von der Mitsorge für kirchliche Anliegen, von dem Engagement für Mission und Entwicklungshilfe. Am meisten bekannt ist die Aktion „Flinke Hände – flinke Füße“, die in Bad Westernkotten stets ihren sichtbaren und lebendigen Ausdruck findet in der Salinenkirmes im Kurpark.

 

Zu erwähnen ist auch der von Pfarrer Gersmann etwa 1973 gegründete „Donnerstagsabendkreis“: etwa 10 bis 20 Jugendliche trafen sich im Elisabethheim, in dem auch Pfarrer Gersmann wohnte, zum Klönen und Spielen. Und ab und zu gab es zur besonderen Freude aller auch von Pfarrer Gersmann mal ein Gläschen Rotwein, der – soweit es seine Zeit erlaubte – sich auch bei den Jugendlichen aufhielt. Aus dieser Gruppe sind dann auch die ersten Kommunionhelfer hervorgegangen.[4]

Im Jahre 1997 gründeten Stefan Kober und zwanzig weitere engagierte junge Leute in Bad Westernkotten einen weiteren Jugendverband: die Katholische Landjugend-Bewegung (KLJB) die wie die DPSG Mitgliedsverband des Bundes der Deutschen kath. Jugend (BDKJ) ist.

Clemens Brüggemann, der vor über 60 Jahren als Vikar in Westernkotten gewirkt hat, war vor 50 Jahren einer der eifrigsten Initiatoren der KLJB in unserer Diözese, die heute allein in im Bistum Paderborn 120 Gruppen mit über 5000 Jugendlichen zählt. Ihr Glaube gründet sich auf die Botschaft Jesu Christi. Als Christen wollen sie lebendigen und befreienden Glauben leben und erfahren.

In Bad Westernkotten haben sich die Mitglieder am Hockelheimer Weg in Eigenarbeit ein Jugendhaus gebaut.

Weltmission und Entwicklungshilfe sind Anliegen des Verbandes. Von ihren verschiedenen Aktionen ist auch bei uns die Aktion „Minibrot“ bekannt. Von ihrem Patron und ihrer aktuellen Leitungspersönlichkeit Bruder Klaus hat die KLJB ihr Gebet übernommen:

„Mein Herr und mein Gott,

nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.

Mein Herr und mein Gott,

gib alles mir, was mich führt zu dir.

Mein Herr und mein Gott,

nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.“

 


[1] Vgl. dazu den entsprechenden Beitrag von W. Marcus in diesem Buch

[2] Vgl. zur DJK den Beitrag von Jan Marcus in diesem Buch

[3] Vgl. dazu den Beitrag zum II. Vatikanum

[4] Mitteilung von Wolfgang Marcus vom 19.6.2001