Kirchturmuhr von 1949 (Probst)

Die neue Kirchturmuhr in Westernkotten von 1949 und die alte

Aus dem Nachlaß von Wilhelm Probst, + 1957, Bad Westernkotten

[aus: Vertell mui watt 1999]

Auf die Minute geht die neue Kirchenuhr. Das kann man auch von ihr verlangen für das viele Geld, das sie gekostet hat. Vietausend und fünfhundert Mark sind’s gewesen. Drei Zifferblätter hat sie. Schade, daß der Kirchturm so niedrig ist, sonst könnte man diese im ganzen Orte sehen. Aber jede Viertelstunde schlägt sie die Zeit an, und bis in das letzte Haus kann man’s hören, wenn der Wind den Schall nicht wegträgt. Als sie in die Uhrenkammer kam, in ihr Gehäuse, das sie nun vielleicht viele Menschenleben nicht mehr verlassen soll, hieß es, daß sie jede Viertelstunde schlagen würde. „Das wäre doch nicht nötig gewesen,“ sagten die alten Leute, die in allem sparsamer sind als die junge Welt und sogar beim Glockenschlag sparen wollen. Doch jetzt mal ehrlich bekannt: Sie möchten in den paar Jahren, die ihnen der Herrgott vielleicht noch schenkt, nicht so oft daran erinnert werden, daß die Zeit allzuschnell verinnt. Es gibt manche Menschen, die sogar durch den langen Sekundenzeiger an den neuartigen großen Wanduhren, die in einer Minute um das Stadion des Zifferblattes rennt, nervös macht. Aber, selbst wenn man alle Uhren stillstehen ließ, die Zeit können wir doch nicht festhalten. Wie sagt der deutsche Spaßmacherdichter Wilhelm Busch: Eins, zwei, drei, im Sauseschritt, läuft die Zeit, wir laufen mit. – Und nun, da unsere Kirchenuhr die Viertel schlägt,haben sich auch die Alten schon daran gewöhnt und sagen wohl, daß dies eine ganz feine Einrichtung sei. Wenn man des Nachts lange wachliege – und die Alten tun das ja wohl – dann gingen die Stunden viel schneller herum, wenn man immer wieder den Uhrenschlag höre. Und die jungen Leute, die haben bis vor kurzem ihre Uhr nach dem Radio gestellt, damit sie pünktlich zum Zuge und zur Arbeit kamen. Das hat man jetzt nicht mehr nötig, unsere Kirchenuhr geht stets nach Radiozeit.

Nun zu der alten Uhr. Wie alt mag sie sein? Ihren Geburtsschein haben wir nicht gefunden. Wahrscheinlich gehört sie zum Jahrgang 1699. In diesem Jahr wurde unser Kirchturm gebaut. Und weil zu einem Turme auch eine Uhr gehört, so darf man annehmen, daß sie im gleichen Jahre in den Turm gekommen ist. Wer ist denn wohl der Uhrmacher gewesen, der das Werk geschaffen hat? Es war der Dorfschmied, der den Bauern die Pferde beschlug und ihre Pflüge und Wagen in Ordnung hielt, den Frauen die Backpfannen und Grabeschüppen machte und für die Feuerstelle Langhöl und Feuerböcke, kunstvolle Schlösser und Beschläge für Türen und Truhen. So ein rechter Dorfschmied mußte alles machen können, was aus Eisen, Kupfer und anderen Metallen gearbeitet werden konnte. Unser Schmied konnte das alles. Im Jahre 1746 haben die Anröchter ihre Kirchenuhr bei einem Schmiede in Westernkotten gründlich überholen lassen, so steht es in den Anröchter Kirchenakten. Derselbe Uhrenschmied oder sein Vorahn wird auch unsere Uhr geschmiedet haben. Ja, geschmiedet, es war ein schmiedeeisernes Werk, und jedes Rad darin und jeder Zapfen waren beste Handarbeit. – Nur einen Zeiger hatte die Uhr Damit ist sie ausgekommen bis zum Jahre 1906, und den Westernköttern hat das bis dahin auch genügt. Vor 1700 hatten alle Kirchen- und Rathausuhren nur den Stundenzeiger. Auch daraus ist zu erkennen, daß unsere alte Uhr 250 Jahre alt ist. – Im Jahre 1906 haben der Schlossermeister Franz Wenner und der Bauer Heinrich Eickmann, an dem ein guter Uhrmache verlorengegangen ist, das Räderwerk der Uhr so umgearbeitet, daß sie von da ab auch einen Minutenanzeiger hatte.-

Nun war sie müde. Wenn man 250 Jahre lang ohne Pause gearbeitet hat, dann kann man müde werden, darf man müde werden. In den letzten Jahren war sie auch vergeßlich, wie es alte Leute sind, und blieb zuweilen stehen. Des Nachts, wenn man jedes Geräusch gut hört, konnte man draußen ihr Stöhnen vernehmen. Eines Abends traf ich vor der Kirche einen Mann aus dem Nachbarorte. Der war wegen des schweren Stöhnens und Tuckens, das aus dem Turm kam, stehen geblieben und fragte, was das sei. Ich nannte ihm die Ursache. Da meinte er:“Die poltert ja wie’ne Wannemühle.“ So schlimm war es nun gerade nicht, und so spricht man auch nicht von jemand, der einem jahrelang treu gedient hat. Er war ein Biuterdörpsker, also von auswärts, und es war ja nicht seine Kirchenuhr. Die Leute im Dorf sprachen etwas höflicher von der alten Uhr. „Dä is uppe,“ sagten sie. –

Als die „Neue“ kam, wurde die alte Uhr kurzerhand aus ihrer Kammer geholt, weil es die Leute, die dieser beim Einzug  halfen, eilig hatten. Seit der Zeit hat sie in Eickmanns Scheune ein Notquartier erhalten. Wird das Kreisheimatmuseum ihr ein Plätzchen gönnen, denn auch da ist Wohnungsnot wie überall im Lande, dann kann sie noch im Ruhestand zu Ehren kommen und in sechs Wochen mehr Besuch erhalten, als sie in einem vierteljahrtausend Arbeitsjahren gehabt.hat. Wenn wir Westernkötter sie dann besuchen, wollen wir sie freundlichst begrüßen und den Fremden stolz sagen: „Das ist unsere liebe alte Kirchenuhr.“ Sie soll fühlen, daß wir es ehrlich mit unseren dankbaren Gefühlen meinen, und sie wird es uns nicht übel nehmen, daß sie der „Neuen“ Platz machen mußte. Aber bevor sie ganz von uns aus dem Dorf weggeht, erhält sie noch einen Orden, einen richtigen Orden, den Kirchenuhrorden. Auf der einen Seite steht zwischen den Jahreszahlen 1699 und 1949 unser Dorfwappen, die Wolfsangel, auf der anderen: „Für treue Dienste im Lobetagsdorfe.“