Salinenstandort Westernkotten (Walter)

„Das altbewährte Heilbad in ländlicher Stille“ – Bad Westernkotten

von Wolfgang Marcus

Vor einigen Monaten erschien das Buch „Der salzige Jungbrunnen – Geschichte der deutschen Soleheilbäder“ von Hans-Hennig Walter [Drei-Birken-Verlag, Freiberg (Sachsen) 2006. Nach zwei einleitenden Kapiteln über die Technik der Salzgewinnung aus Sole und der Geschichte der Soleheilkunde sowie einer thematischen Deutschlandkarte mit allen historischen und heutigen Soleheilbädern werden in Wort und Bild 73 deutsche Solekurorte vorgestellt, und zwar alles Orte, „in denen es im Laufe der Geschichte eine Saline gab.“[ebd. S.5]

Zu diesen Orten gehören neben Bad Westernkotten auch unter anderem Bad Sassendorf, Belecke, Salzkotten, Werl und Unna. Im Folgenden wird aus diesem lesenswerten Buch der Text zu Bad Westernkotten [ebd. S.315-317] vollständig wiedergegeben.

 

 

„Das altbewährte Heilbad in ländlicher Stille am Hellweg“, wie es im Deutschen Bäderkalender von 1958 vorgestellt wird, gehört seit 1975 als Ortsteil zur benachbarten Stadt Erwitte. Westernkotten ist seit tausend Jahren mit dem Salz eng verbunden. Kaiser Konrad II. schenkte im April 1027 dem Bi­schof Meinhard [hier muss es Meinwerk heißen] von Paderborn den Königshof in Erwitte mitsamt dem dazu gehörenden Grund und Boden in Westernkotten. Es ist anzunehmen, dass zu dieser Schenkung auch der „Königssood“, ein königliches Salzwerk, gehörte. In den folgenden Jahrhunderten entwickelten sich die Eigentumsver­hältnisse in der Saline Westernkotten ähnlich wie in den meisten deutschen Salinen. Es bildete sich allmählich eine Pfännerschaft heraus, wobei die ein­zelnen Pfänner ihre Gradierwerke und Siedehütten unabhängig voneinander betrieben. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts wurden 92 Siedehäuser gezählt. Im 19. Jahrhundert befanden sich die meisten Sali­nenanteile im Besitz der Grafen von Landsberg. Als Glücksfall für die Saline und später das Bad erwies sich eine im Sommer 1845 begonnene Tiefbohrung.

Zwar stieß man nicht auf gesättigte Sole, sondern in 78 m Tiefe nur auf eine achtprozentige Quelle, die aber unter so hohem Druck stand, dass sie die ver­dutzten Bohrarbeiter wie ein Strom überschüttete. Die hohe Ergiebigkeit von rund 60 Kubikmeter pro Stunde ließ auch bei starker Beanspruchung nicht nach, so dass man Gradierwerke und Siedehütten mittels Rohrleitungen versorgen konnte. Fast 3 km Röhren wurden in Westernkotten verlegt. Obwohl mit ihrer schwachen Sole immer weniger konkur­renzfähig, existierte die Saline noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Erst 1943 verkaufte der Graf von Landsberg das immer kleiner gewordene Salzwerk und fand sogar einen hochadligen Käufer, den Mark­grafen zu Meißen, Prinz Christian Friedrich von Sachsen. Dieser, nach 1945 im sowjetisch besetzten Sachsen enteignet, wollte seinen Salinenbesitz nach der Währungsreform zu Geld machen, zumal an eine rentable Siedesalzgewinnung nicht mehr zu denken war. Als der Verkauf 1949 gelang, war das Ende der Salzerzeugung in Westernkotten gekommen. Seit 1994 erinnert im Ortsbild die lebensgroße Bron­zeplastik eines Salzsieders an diesen einstmals so wichtigen Wirtschaftszweig.

Die ersten Anfänge des Heilbades Westernkotten liegen noch vor der erwähnten Erbohrung der er­giebigen Solequelle. 1842 eröffnete der Rentmeister Erdmann eine kleine Badeanstalt mit drei Badezellen. Die benötigte Sole kam allerdings nicht von der Sa­line, sondern Erdmann hatte bei Suchbohrungen in seinem Garten Salzwasser gefunden, das er mit Hilfe eines Pferdegöpels in eine eiserne Siedepfanne von 80 m2 Fläche pumpte und dort erwärmte. Das neue Bad fand offenbar guten Zuspruch, denn schon 1851 heißt es in einer Zeitungsnotiz, dass im August für neu ankommende Badegäste kaum noch Wohnungen zu finden seien. Erdmann sorgte auch für die nötige Reklame, wie eine Annonce von 1861 zeigt, in der der Kreisarzt die Solebäder bei Gicht, Rheumatismus und Hautkrankheiten empfiehlt und Erdmann sein Bad als „eins der besten Soolbäder Deutschlands“ rühmt. 1871 verkaufte Erdmann sein Bad an den 25jähri­gen Gastwirt Friedrich Carl Wiese aus Erwitte, der es modernisierte, die Zahl der Badezellen auf 18 erhöhte und statt des Pferdegöpels eine Dampfma­schine installierte. Das Badewasser wurde nunmehr durch Einleiten von Dampf direkt in die hölzernen Badewannen erhitzt. Zur Inhalation diente eins der Gradierwerke. Nachdem Wiese einen Salinenanteil erworben hatte, stand ihm auch ein geringer Anteil an der 1845 erbohrten Sole zu. Im Deutschen Bä­derbuch von 1907 wird die Zahl der Badegäste im Jahre 1905 mit 600 angegeben, die rund 5800 Wan­nenbäder nahmen. In den folgenden Jahren wurden Kinderkuren eingeführt, das Kurhaus und der Kur­park ausgebaut und eine neue Soleleitung ange­legt. Im Deutschen Bäderkalender von 1926 fehlt Westernkotten, taucht allerdings im Großdeutschen Heilquellenverzeichnis von 1939 mit seinen Bade-, Inhalations- und Trinkkuren wieder auf. Geradezu märchenhaft wird dem heutigen Leser die damalige „Pauschalkur“ vorkommen: Für 130 Reichsmark er­hielt der Kurgast volle 28 Tage nicht nur Unterkunft und Verpflegung, sondern auch noch 12 Wannenbä­der, die heute schon allein über 130 Euro kosten. Im Preis dieser früheren Pauschalkur war sogar noch das Honorar für den Arzt enthalten.

Das Solbad Westernkotten, auch bei Kriegsende noch in Besitz der Familie Wiese, durchlebte nach 1945 einige sehr schwierige Jahre. Zunächst kam dem Bad zugute, dass die meisten anderen Kurorte von den Besatzungsmächten belegt worden waren. Um wenigstens in einigen Orten vorbeugende Kuren durchführen zu können, erwarb der Provinzialver­band Westfalen (der heutige Landschaftsverband Westfalen-Lippe) unter anderem auch das Bad in \\esternkotten. Als einige Jahre später der Salinen­besitzer, der Markgraf von Meißen, seinen gesamten Grundbesitz mit allen Solerechten verkaufen wollte, erkannte die Gemeindeverwaltung Westernkotten die drohende Gefahr für das Solbad. Dem Bür­germeister gelang es nach Überwindung zahlloser Probleme, unter Beteiligung des Landkreises und be­nachbarter Städte die „.Solbad Westernkotten GmbH“ zu gründen, die 1949 den Grund und Boden, die Gradierwerke und die Solequelle für 150 000 DM erwarb. Das nunmehr nutzlose Siedehaus verkaufte der Markgraf an eine Bekleidungsfirma.

Das Heilbad, seit 1950 unter der Leitung eines Kurdirektors, nahm seit dieser Zeit einen stetigen Aufschwung. Der Kurpark wurde unter Einbe­ziehung von zwei Gradierwerken erweitert und verschönert. Das dritte Gradierwerk musste 1954 weichen. Auch die Kureinrichtungen konnten ausgebaut werden. 1958 erlangte das Dorf den Titel „Bad“. 1968 erbohrte man eine zweite Quel­le, 1973 kam ein neues Kurmittelhaus hinzu. Seit 1981 besitzt Bad Westernkotten ein Sole-Hallen­bad mit 3%iger Sole, die „Hellweg-Sole-Thermen“. In den Jahren 1984, 1986 und 1996 ausgebaut und erweitert, verfügt die Anlage heute über 700 m² Wasserfläche. Die Ruhe und Beschaulichkeit des kleinen Badeortes hat sich bis heute erhalten.