Schulentlassjahrgang 1939 (Hoppe)

Westernkötter Kinder in der NS-Zeit

Der Schulentlassjahrgang 1939 erinnert sich

Von Alfred Hoppe (Altenmellrich)

Anfang 2007 veröffentlichte Alfred Hoppe eine 72-seitige Schrift mit dem Titel „Schulentlassjahrgang 1939 Bad Westernkotten“. Gemeinsam mit seinen Mitschülerinnen Maria Pütter, Maria Maßolle und Maria Schröer hatte man nach einem der zahlreichen Klassentreffen des Geburtsjahrganges 1924/25 die Idee gehabt, „diese unsere Zeit aus der Erinnerung aufzuzeichnen“. Im Folgenden wird der Teil wiedergegeben, der sich auf die Kindheit und Jugend in der NS-Zeit 1933 bis 1945 bezieht. Anschaulich wird so, wie Kinder die Zeit damals erlebt haben und wie die Zeit aus der heutigen Sicht – alle Klassenkameraden, die an der Schrift mitgewirkt haben, sind heute über 80 Jahre! – gesehen wird. Die beigefügten Bilder dokumentieren anschaulich, wie die Klassengemeinschaft bis heute gepflegt wurde und zusammengehalten hat. W. Marcus

 

Kindergarten

…Nun aber lasst uns zunächst mit unserer Kinderzeit beginnen: Mit 5 Jahren schickten uns unsere Eltern in den Kindergarten. Das Schwesternhaus „Elisabethheim“ wurde 1921 eingeweiht.

Es wurde von den Dernbacher Ordensschwestern geleitet. Dieses Haus beherbergte auch die „Kleinkinderbewahrschule“ (Kindergarten). Diese Bewahrschule war 1929/31 unser erstes Kennen lernen für unsere spätere Gemeinschaft. Es war das Elisabethheim an der Ecke Aspenstraße/ Schützenstraße, welches von Ordensschwestern geleitet wurde. Hier fanden wir zunächst den ersten engeren Kontakt mit unseren späteren Mitschülerinnen und Mitschülern.

1. und 2. Schuljahr

Der Ernst des Lebens begann damit, dass wir zu Ostern 1931 als i-Dötze eingeschult wurden. Unsere Schule war das heutige evangelische Gemeindehaus.

Mit 25 i-Männchen (11 Mädchen und 14 Jungen) begann unser erster Schultag. Eine Schultüte mit Süßigkeiten für den ersten Schultag gab es damals noch nicht. Unsere erste Lehrerin war Frl. Hackstein. Sie war eine liebe Lehrerin und brachte, da es gerade Ostern war, für jedes i-Männchen ein kleines Papierkörbchen mit einigen Ostereiern mit. Zuerst lehrte sie uns das Stillsitzen. Dabei mussten wir unsere Hände flach auf die Schulbank legen, was auf die Dauer sicherlich nicht leicht war. In den ersten Tagen brauchten wir den Tornister nicht mitbringen. Auch konnten wir schon nach den ersten zwei Stunden wieder nach Hause gehen.

Fräulein Hackstein hatte das erste und zweite Schuljahr, welche in einem Klassenraum untergebracht waren. Unser Tornister, den wir nach einigen Tagen mitbringen mussten, war schwach gefüllt. Der Inhalt war eine Schiefertafel, ein Griffelkasten und das Butterbrot durfte natürlich nicht fehlen. Auf der Schiefertafel, die einen Holzrahmen hatte, lernten wir zuerst das „i“: rauf, runter, rauf, Pünktchen drauf. Unsere Schrift war damals die Sütterlinschrift. Die Vorderseite der Schiefertafel hatte durchgehende Linien, die Hinterseite der Tafel hatte Rechenkästchen. Am Holzrahmen wurden der gehäkelte Tafellappen und der angefeuchtete Schwamm zum Auswischen der Tafel befestigt. Wenn der Schwamm nicht genug Feuchtigkeit hatte, konnte man auch mal mit Spucke nachhelfen. Tafellappen und Schwamm hingen immer seitlich aus dem Tornister heraus, welcher immer auf dem Rücken getragen wurde. Für uns Kleinen war auch schon mal das Kasperletheater zu Gast. Arbeitslose Lehrer verdienten sich somit einen kleinen Lohn. Wir waren immer begeistert, wenn der Kasper kam, denn einen Fernseher gab es noch nicht.

Auch kam schon mal der Fotograf in die Schule, welcher bei jeder Aufnahme unter einem schwarzen Tuch verschwand. Das erste und zweite Schuljahr mit Frl. Hackstein Es war sicherlich ein knappes Jahr, in dem uns unsere geliebte Lehrerin Frl. Hackstein unterrichtete. Sie wurde dann nach Anröchte versetzt. Hier starb sie auch im Alter von fast 85 Jahren. Ehemalige Schülerinnen und Schüler aus Bad Westernkotten haben sie auf dem letzten Weg begleitet.

Nach ihrer Versetzung bekamen wir den Lehrer Luig. Bei dem hatten wir nichts zu lachen. Gleich am ersten Tag zog er uns der Reihe nach über die Bank und haute uns das Hinterteil blau. So ging es fast jeden Tag. Die Mädchen wurden meistens verschont. Und trotzdem passierte es, dass er ihnen mit dem Stock durch die flache Innenhand schlug. Wir hatten alle eine unheimliche Angst vor ihm und wollten nicht mehr zu Schule gehen. Unsere Eltern beschwerten sich beim Hauptlehrer Probst und es dauerte auch nicht lange und wir waren ihn wieder los.

3. Schuljahr

Danach hatten wir nur Lehrerinnen, bis wir zum Lehrer Riekenbrauck in das 3. Schuljahr kamen. Lehrer Riekenbrauck unterrichtete das 3. und 4. Schuljahr. Er war ein angenehmer Lehrer und erzählte uns oft Geschichten von den alten Germanen und die Geschichte von Bodo und Lola. Wir schrieben aber immer noch auf unserer Schiefertafel. Nur bei den Aufsätzen und einigen Hausaufgaben mussten wir mit einem Federhalter in das Heft schreiben. In den Federhalter wurde eine Schreibfeder gesteckt, die man nach Belieben auswechseln konnte. Sie kostete bei Kessings 2Pfg. In jeder Bank war für jeweils zwei Personen ein Tintenpott mit Klappdeckel eingebaut. Dieser war nötig, da man doch die Feder immer wieder in die Tinte eintauchen musste. Natürlich gab es dann auch schon mal richtige Tintenkleckse im Heft, wenn man die Feder zu tief eingetaucht hatte. Die Lesebücher, die wir im 3. und 4. Schuljahr brauchten, hießen: „Die sieben Ähren und das goldene Tor“. Am meisten haben wir uns immer auf Lehrer Riekenbraucks Namenstag (Erich) gefreut. Die Mädchen haben dann das ganze Pult mit Blumen geschmückt. Fast jeder von uns trug ein kleines Gedichtchen vor.

Es war das Jahr 1933. Hitler setzte seine Diktatur durch und kam mit seinem Gefolge an die Regierungsmacht. Unser Lehrer Riekenbrauck war sofort ein treuer Gefolgsmann dieser Partei (NSDAP). So blieb es auch nicht aus, dass seine Erziehungsmethode nur dieser Partei galt. Wir konnten uns, damals erst neun Jahre alt, wenig unter Politik vorstellen. Auch konnten wir uns überhaupt nichts unter freien Wahlen vorstellen. Unsere Eltern erzählten schon mal von den Kommunisten in den Ruhrgebieten und anderen Parteien. Nach jeder Wahl hieß es immer, die Nazis sind mit 99% gewählt worden.

Erstkommunion

1934 gingen wir zur ersten hl. Kommunion. Zunächst waren aber die Vorbereitungen zu hl. Beichte. Wir lernten die „10 Gebote“. Dann standen wir in zwei Reihen vor dem Beichtstuhl. In der linken Reihe standen wir Mädchen und rechts standen wir Jungen. Alle waren froh, dass wir unsere erste Beichte hinter uns gebracht hatten. Pastor Schreckenberg sagte zu uns allen nach der Beichte, wir hätten uns gut vorbereitet. Im 3. Schuljahr mussten wir jeden Morgen vor dem Schulunterricht die hl. Messe besuchen. Eine unserer Schulfreundinnen musste jeden Tag die säumigen Kirchgänger aufschreiben, auch in den Ferien. Außerdem mussten wir die Sonntagsmesse und die Andacht besuchen. Die erste Unterrichtsstunde war jeden Tag „Religion“ bei Riekenbrauck. Er zog gerne Vergleiche mit Jesus und Hitler. Jesus sei mit zwölf Jüngern angefangen. Hitler machte den Anfang nur mit sieben Gefolgsleuten. So verstand er es, uns für seine Idee zu gewinnen. Auch hatten wir zusätzlich noch einmal in der Woche beim Pastor Unterricht. Im Rosenkranzmonat Oktober wurde an jedem Abend in den Familien der Rosenkranz gebetet. Um Lichtstrom zu sparen, geschah dies immer in den Dämmerstunden. Der christliche Gehorsam war für uns angehende Kommunionkinder erste Pflicht. Wenn wir unseren Lehrer außerhalb des Schulunterrichts auf der Straße trafen, gingen wir zu ihm hin, gaben ihm die Hand und wir Jungen zogen dabei unsere Bommelmütze. Wir Mädchen machten einen höflichen Knicks. Beim Pastor war es das gleiche. Nur sagten wir noch „Gelobt sei Jesus Christus“. Man kann schon verstehen, dass wir einen großen Bogen um diese Herren machten und in einer Seitenstraße verschwanden, wenn es noch möglich war.

Zu Weißen Sonntag waren wir zu unserer ersten hl. Kommunion gut vorbereitet. Wir hatten uns schon lange auf diesen Tag gefreut. Vorne im Kirchenchor hatte man die Kinderbänke, die sonst zu beiden Seiten standen, in die Mitte gerückt. An beiden Bankenden hatten die  Engelchen, die uns zum Altar führen mussten, Platz genommen. Pastor Schreckenberg hatte alles sehr feierlich gemacht. Nach der Kommunionfeier gingen wir geschlossen in Zweierreihen zur Schule. Zur Erinnerung an die 1. Hl. Kommunion erhielten wir vom Pastor ein schönes Heiligenbild. Unsere Eltern und Paten standen vor der Schule und nahmen uns mit nach Hause. Mit 8 Jahren durften wir Jungen schon das Palmbund tragen, welches dann von Pastor Schreckenberg am Palmsonntag in der Kirche gesegnet wurde. Wir Mädchen trugen auf Mariä Himmelfahrt (15. August) das Kräuterbund (Weihbund), welches auch geweiht wurde. Im Winter liefen die Haus- und Straßensammlungen für das Winterhilfswerk (WHW). Wir Schulkinder mussten kleine Anstecknadeln, Kunstblumen und geschnitzte Holzfiguren für den Christbaumschmuck verkaufen. Die Sammlungen waren für Not leidende Menschen gedacht, unter dem Motto „Keiner soll hungern und frieren“. Einmal im Monat wurde in den Familien das Eintopfessen empfohlen als Symbol für Sparsamkeit für das Winterhilfswerk.

Jungvolk und BDM

Die Nazis verstanden es, uns Jugendliche zu motivieren, einfach unter dem Gedanken, wem die Jugend gehört, dem gehört auch die Zukunft. Da unser Lehrer Riekenbrauck ein treuer Anhänger der NSDAP war, versuchte er bei jeder Gelegenheit, uns in dieser Richtung zu beeinflussen. Als Kriegsteilnehmer des 1. Weltkrieges erzählte er uns immer wieder spannende Fronterlebnisse. Bei einer Umfrage durch unseren Lehrer wollten wir Jungen alle tapfere Soldaten werden. Natürlich wollten alle zu den Fliegern oder auf ein Schiff. Da Kinder und Jugendliche leicht und schnell zu beeinflussen sind, waren wir toll begeistert. Die Weltpolitik überschlug sich in diesen Jahren. Durch eine Abstimmung der Bevölkerung kam das Saarland 1935 wieder zum Deutschen Reich. Italien eroberte 1936 die Kolonie Abessinien (heute Äthiopien). In Spanien kam 1936 General Franco in einem Bürgerkrieg gegen die Kommunisten mit deutscher und italienischer Unterstützung an die Macht. 1936 wurde die „Achse“ Berlin-Rom durch einen Vertrag gefestigt (Hitler-Mussolini-Vertrag). 1937 stand Japan mit China im Krieg und eroberte größere Gebiete.

1938 kam der Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich. Die Österreicher gaben die Parolen aus: „Heim ins Reich“ und „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“. Im Oktober 1938 wurde das Sudetenland von der Tschechei abgetrennt und fiel an Deutschland. Und im März 1939 gab Litauen das 1923 von ihm besetzte Memelgebiet an Deutschland zurück.

Mit 10 Jahren hatten wir Jungen die Möglichkeit, einer Jugendorganisation, dem „Jungvolk“ beizutreten. Wir Mädchen hatten die Möglichkeit, dem „Bund Deutscher Mädel“ (BDM) beizutreten. Zunächst war dieser Beitritt freiwillig. Da unsere Eltern dieser Organisation skeptisch gegenüberstanden, waren es nur einige Schulfreunde, die dem „Jungvolk“ und der „BDM“ beitraten. Erst als der Jungvolkdienst und der BDM-Dienst mit Sport und Wanderungen auf den Samstagmorgen gelegt wurde und wir übrigen zum Schuldienst mussten, da haben wir uns alle den Organisationen angeschlossen. Auf dem Sportplatz übten wir für die  Reichsjugendwettkämpfe (75-Meter-Lauf, Weitsprung und Weitwurf) oder spielten Fußball. Bei einer erreichten Punktzahl erhielten wir Plaketten und Urkunden. Zu diesen Sportübungen, aber auch in den Unterrichtsstunden trugen wir Mädchen immer eine saubere Schürze. Diese wurde des Nachmittags mit einer „Alltagsschürze“ gewechselt. Zum „Führergeburtstag“, am 20. April, hielt Hitler immer eine lange und kämpferische Rede. Wir mussten dann auf dem Schulhof antreten. Da nur die wenigsten Haushalte einen „Volksempfänger“ (Radio) hatten, stellte man ein Gerät im Fenster der Oberklasse nach draußen auf. Auf dem Schulhof waren immer viele Menschen versammelt, um die Rede des Führers zu hören. Bis zum vierten Schuljahr waren wir bei Lehrer Riekenbrauck.

Zum fünften Schuljahr wurden die Mädchen und Jungen geteilt. Wir Mädchen kamen in die Oberklasse bei Lehrerin Gödde, später bei Fräulein Heimes. Wir Jungen kamen in die Oberklasse bei Hauptlehrer Probst. Die Lehrerinnen, das möchten wir noch erwähnen, waren damals nie verheiratet. Im siebten und achten Schuljahr waren wir dann wieder zusammen bei Hauptlehrer Probst.

Die deutsche Wirtschaft lief weiter auf Hochtouren. Arbeitslose gab es nicht. In Wolfsburg wurde das VW-Werk gebaut. Jeder deutsche Arbeiter sollte sich bald ein Auto kaufen können. Um das zu ermöglichen, wurde von VW ein Sparvertrag angeboten. Bei einer gewissen monatlichen Einzahlung auf dieses Sparkonto sollte der Sparer nach drei Jahren sein eigenes Auto für 990 RM vor der Tür stehen haben. In diesen Jahren wurden die ersten Autobahnen gebaut.

Wenn man Autos bauen wollte, dann durften natürlich die Straßen dafür nicht fehlen. Im Westen Deutschlands wurde der Westwall zum Schutz der Heimat gegen den Erzfeind Frankreich gebaut. In Lippstadt begann der Bau der FLAK-Kaserne (Fliegerabwehrkanone). Lippstadt wurde bald eine Garnisonstadt. Neben den Kasernen der Flak wurde, nördlich der Stadt, der Fliegerhorst gebaut (heute Lipperbruch). Immer wieder flogen die Jagdfliegerstaffeln zu Übungsflügen auch über Westernkotten. Anfangs schauten wir noch hinter jedem Flugzeug her. Später interessierten uns nur noch die Kampfübungen, wenn diese Propellermaschinen ihre Loopings drehten oder in Rückenlagen flogen. Bewundernswert waren die „Himmelsschreiber“. Sie wurden von der Werbung eingesetzt und schrieben in bunten Farben die Worte: „Persil“ oder „Imi“ an den Himmel. Auch der Zeppelin war mal wieder da und zog seine Flugbahn in Richtung Paderborn. Später wurde außer den Jagdfliegern noch ein Geschwader „Stukas“ (Stutzkampfbomber) nach Lippstadt verlegt. Diese zweimotorigen Propellerflugzeuge hatten eingeknickte Tragflächen. Sie waren bekannt für ihren zielsicheren Bombenabwurf. In etwa 1000 Meter Höhe kippten diese Maschinen über den linken Flügel ab und stürzten sich fast senkrecht im Sturzflug auf das Ziel. Erst in etwa 50 Meter Höhe fingen sie sich ab und klinkten ihre Bomben aus. 1935/36 wurde die Lörmecke-Wasserleitung, die von der Haar kam, nach Westernkotten verlegt. Die privaten Brunnenanlagen hatten ausgedient. Das Wasserschleppen mit dem Tragejoch vom Spring gehörte der Vergangenheit an.

Firmung Oktober 1938

„Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der über euch kommt.“ So steht es auf unserem Firmzettel. Dieses heilige Sakrament der Firmung haben wir am 22. Oktober 1938 durch den Hochwürdigsten Herrn Weihbischof von Paderborn, Augustinus Baumann, in der Pfarrkirche zu Westernkotten empfangen.

Schulentlassung

Ostern 1939 wurden wir aus der Volksschule entlassen. Zuvor müssen wir erwähnen, dass damals der Schuljahr gang von Ostern bis Ostern ging. Daher ergibt sich, dass unser Schulentlassjahrgang aus den Jahren 1924 und 1925 besteht. Vor 8 Jahren wurden wir bei Frl. Hackstein in die i-Männchenklasse eingeschult. Nun hieß es für uns „Schule ade“. Schon Monate vorher wurden wir von Pfarrer Schreckenberg und von Vikar Brüggemann auf unserem weiteren Lebensweg vorbereitet. Besonders unser neuer Vikar Brüggemann, der später das Jugendheim in Hardehausen geleitet hat, verstand es, uns mit Humor und eindrucksvoller Pädagogik zu begeistern. Wir nahmen alle an der feierlichen Schulmesse teil, in der uns unser beliebter Vikar den Segen gab. Wir versprachen ihm auch, dass wir gerne bei jeder Angelegenheit zu ihm kommen würden. Zu dieser Schulentlassungsfeier bekamen wir Jungen einen neuen Anzug mit langer Hose. Das war überhaupt die erste lange Hose, die wir bekamen. Auch wir Mädchen bekamen schicke neue Kleider. Im kommenden Winter bekamen wir den ersten langen Wintermantel. Wir fühlten uns nun wie richtige Jünglinge und stolze Damen. In den Sonntagsmessen saßen wir in reservierten Bänken im Seitenschiff. Unser Haarschnitt bei den Jungen war schon lange nicht mehr der kurze Wuschel. Wenn sie auch an den Seiten kurz gehalten wurden, so waren sie auf dem Kopf schon sehr lang und wurden alle nach vorne gekämmt. Schon bald kamen bei uns Jungen die Barthaare, so dass wir uns schon fast jede Woche rasieren mussten. Bei uns Mädchen gehörte der Bubbikopf der Vergangenheit an. Die Zöpfe kamen in der Zeit in Mode.

Unsere Entlassschülerinnen und – Schüler waren damals:

Gertrud Sievering geb. Niggenaber geb. am 4. Juli 1924

Anneliese Ising geb. Lange geb. am 10. Juli 1924

Hedwig Thiele geb. Köneke geb. am 3. Oktober 1924

Thea Kusch geb. Lanhenke geb. am 21.Oktober 1924

Maria Pütter geb. Speckenheuer geb. am 23. November 1924

Paula Alt geb. Schäfer geb. am 23. November 1924

Maria Schröer geb. Schäfermeier geb. am 1. Dezember 1924

Sofia Lüning geb. am 12. Januar 1925

Maria Maßolle geb. Hilwerling geb. am 18. März 1925

Klärchen Lüning geb. Brüggemeier geb. am 8. Mai 1925

Maria Ramme geb. Boberschmidt geb. am 21. Mai 1925

Franz Hesse geb. am 24. August 1924

Fritz Knych geb. am 10. September 1924

Willi Spiekermann geb. am 25. September 1924

Franz Öffler geb. am 18.Oktober 1924

Johannes Maßolle geb. am 24. Oktober 1924

Josef Adämmer geb. am 27. Oktober 1924

Heinrich Hammelbeck geb. am 13. November 1924

Alfred Hoppe geb. am 31. Dezember 1924

Franz Hense geb. am 1. Februar 1925

Franz Bertelt geb. am 11. Februar 1925

Josef Schütte geb. am 14. Februar 1925

Theo Köneke geb. am 3. März 1925

Karl Joachimsmeier geb. am 12. März 1925

Franz Erdmann geb. am 5. Mai 1925

Nach der Schulzeit

Unsere Schulfreunde erlernten alle einen Beruf. Wir Mädchen erlernten im Allgemeinen in Fremdbetrieben das Kochen. Mit 18 Jahren wurden einige von uns Mädchen zum weiblichen Arbeitsdienst eingezogen. Danach wurden wir in Kriegsdiensten eingesetzt. Da wir nun im 15. Lebensjahr waren, kamen wir Jungen automatisch vom Jungvolk in die Hitlerjugend. Der BDM-Dienst wurde nicht weiter geführt. In jedem Jahr wurden auch hier die Reichsjugendwettkämpfe durchgeführt. Diese Wettkämpfe bezogen sich dann immer mehr auf die Wehrertüchtigung.

Unserem Vikar Brüggemann sind wir immer treu geblieben Wir trafen uns fast jede Woche im Keller des Pastorats, wo die Bibliothek untergebracht war. In den Schulgebäuden war der Unterricht den Geistlichen nicht mehr gestattet. Aber die Kirche und das Pfarrhaus war geistliches Territorium. Hitler versuchte mit seinen Gefolgsleuten ohne Rücksicht auf die Nachbarstaaten seine Machtstellung durchzusetzen. Die ältere Generation munkelte schon lange davon, dass es bald Krieg geben würde. Als im Oktober 1938 das Sudetenland an das deutsche Reich fiel, hat man diesen Völkerunfrieden noch einmal durch die Münchner Konferenz, an der die Staatsoberhäupter Mussolini, Chamberlain, Daladier und Hitler teilnahmen, retten können. Sie regelten die Abtretung des Sudetenlandes an das deutsche Reich, aber auch die Gebietsansprüche der Polen und Ungarns. England und Frankreich führten bald danach die allgemeine Wehrpflicht ein. Trotz der Westmachtmahnungen an Hitler besetzte er noch im März 1939 den Rest der Tschechei und rief das Protektorat Böhmen und Mähren aus. Im August 1939 forderte Hitler nun den ganzen Korridor, der nach dem Ersten Weltkrieg durch den Versailler Vertrag an Polen fiel. Hitler forderte einen polnischen Unterhändler bis zum 30. August.

Als dieser nicht eintraf, überschritten deutsche Truppen am 1. September 1939 die Grenzen Polens.

Zweiter Weltkrieg

Es begann der Zweite Weltkrieg. Zwei Tage später kam die Kriegserklärung der Engländer und Franzosen gegen Deutschland, nach einem Ultimatum gegen das deutsche Reich. Polen kapitulierte schon vier Wochen später, nachdem Warschau durch schwere Luftangriffe zerstört war. War der Krieg nun aus? Gaben die Franzosen und die Engländer nach diesem schnellen Feldzug auf? – Und stimmten sie in Verhandlungen mit der deutschen Staatsführung ein? Es blieb aber alles ruhig. Die deutschen Truppen wurden an die Westfront verlegt. Wir waren 15 Jahre alt. Mussten wir Jungen auch noch Soldat werden? Dieser Gedanke erschien uns unmöglich. Aber es wurde schon nach 3 Jahren Wirklichkeit. Der Feldzug des deutschen Heeres gegen Polen war schon einige Monate vorbei, als nun die Truppen an die Westfront verlegt wurden. Auch in Westernkotten bekamen wir Einquartierungen. Es war eine bespannte bayrische Infanterieeinheit mit leichten Infanteriegeschützen. Um die „Volksernährung“ zu sichern, so nannte man es damals, wurden bald die Lebensmittelkarten ausgegeben. Es gab Karten für Normalverbraucher, Schwerarbeiter, Schwerstarbeiter und Selbstversorger. Wenn auch die Zuteilungen der Lebensmittel im ersten Jahr des Krieges großzügig bemessen waren, so wurden die Abzüge bald immer überraschender. Es gab bald auch die Kleiderkarte und die Raucherkarte. Die Landwirte waren „Selbstversorger“ und bekamen auf ihre Karten nur Lebensmittel, die sie nicht selber erzeugten, wie z.B. Zucker, Fisch, Nährmittel und Brot. Den Landwirten wurden Pflichtsollabgaben auferlegt, z.B. für Milch, Eier, Schlachtvieh, Getreide und Kartoffeln. An den Kriegsfronten überschlugen sich die Ereignisse. Die Engländer landeten am 9. April in Norwegen. Die Furcht, dass sich der Gegner in Skandinavien festsetzen, die Oberhand in der Ostsee gewinnen und uns somit vom Bezug des schwedischen Erzes abschneiden könnte, bewog die deutsche Regierung zur Landung in Norwegen und zur Besetzung Dänemarks. Nach heftigen Kämpfen unter General Dietl wurden norwegische und alliierte Truppen Ende April 1940 von deutschen Truppen besiegt. Ganz Norwegen war in deutscher Hand. Am 10. Mai begann der erwartete Einmarsch deutscher Truppen in Belgien, Holland, Luxemburg und Frankreich. Holland kapitulierte 4 Tage später am 14. Mai. Ein Durchbruch deutscher Panzer bei Sedan teilte die französische Front. Der nördliche Teil der feindlichen Front musste sich ohne Ausrüstung in Dünkirchen einschiffen. Belgien kapitulierte am 28. Mai. Italien, am 10. Juni in den Krieg eingetreten, rückte in Südfrankreich ein. Nach dem Fall von Paris (14. Juni) schloss die französische Regierung am 22. Juni 1940 einen Waffenstillstand mit Deutschland. Drei Fünftel Frankreichs wurden besetzt, darunter die ganze Atlantikküste. Der Feldzug gegen Frankreich hat sieben Wochen gedauert. Feindliche Bomber überflogen immer wieder Lippstadt und suchten den Fliegerhorst und die Flakkasernen. Durch Fehlabwürfe fielen am 29. Dezember 1940 in Westernkotten zwei feindliche Fliegerbomben in der Nordstraße. Eine Bombe detonierte hinter Wiesen (Kateminnings) Haus in den Garten. Das Haus selber hatte nur geringe Schäden. Die andere Bombe war ca. 40 Meter weiter in Knychs Garten heruntergekommen. Auch das Haus Knych hatte nur geringe Schäden.

Hitler glaubte, dass er durch den Einmarsch nach Russland die deutsche Volksernährung sichern könnte. Hierzu brauchte er die Kornkammer der Ukraine. Da Deutschland sehr eng besiedelt war, brachte er die Parole heraus: „Ein Volk ohne Raum“. Am 22. Juni 1941 begannen die Feindseligkeiten gegen Russland.

Tanzkursus

Im Frühjahr 1942 wurde von einer Tanzlehrerin im Kurhaus Wiese ein Tanzkursus angeboten. Dieser Kursus hieß:„Tanz- und Anstandskursus“. Der Krieg dauerte nun schon über zwei Jahre. Öffentliche Tanzaufführungen waren verboten. Mehrere Soldaten aus  Westernkotten waren schon an den Fronten gefallen. Und doch wurden diese Kurse durchgeführt, weil sie nicht öffentlich waren. Im kleinen Saal im Kurhaus hatten wir uns eingefunden. In zwei Reihen saßen sich die Jungen und Mädchen auf Stühlen gegenüber. In der Mitte war die freie Tanzfläche. Die Tanzlehrerin versuchte uns Jungen zunächst die Anstandsregeln bei der Aufforderung der Damen zum Tanz beizubringen. Wir Jungen mussten uns vor den Damen aufstellen. Bei einer tiefen Verbeugung mussten wir sie zum Tanz auffordern, in dem wir sagten: „Darf ich bitten?“. Die Damen mussten sich dann vom Stuhl erheben und sich bei den Herren am rechten Arm unterhaken. Die Herren gingen mit den Damen auf die Tanzfläche. Die Tanzlehrerin zeigte uns die korrekte Haltung des Herren. Mit der linken Hand fasste er die rechte Hand der Dame. Dabei mussten wir Herren darauf achten, dass die Tuchfühlung stimmte. Eine Handbreit Abstand musste es schon sein. Der Herr musste die Führung übernehmen. Zuerst lernten wir den Marsch, dann den Walzer, Rheinländer, langsamen Walzer, Tango und den Foxtrott. Wegen des

Krieges haben wir keinen Schlussball gefeiert. Auch haben wir in der Kriegszeit und in den Jahren der Nachkriegszeit keine Tanzveranstaltungen besucht.

Wehrerfassung, Einberufung

Im Sommer 1942 mussten wir Jungen zur Stammrolle. Das heißt, dass wir zum Wehrbezirkskommando mussten, um unsere Personalien wie Anschrift, Beruf und Ausbildung anzugeben. Daraufhin bekamen wir eine Stammrollennummer und den Wehrpass. Es vergingen nur wenige Wochen, da mussten wir auch schon zur Musterung. Alle Mitschüler des Jahrgangs 1924 wurden aufgefordert, um sich im Kolpingssaal in Lippstadt einzufinden. Unsere Mitschüler des Jahrgangs 1925 wurden ein halbes Jahr später gemustert. Nach der Sommeroffensive standen deutsche Truppen im Oktober 1942 vor Stalingrad. Wenn den deutschen Truppen die Eroberung der Kaukasusölgebiete und die Abschnürung der Wolga gelingen würde, dann müsste der Krieg im Osten bald vorbei sein, das war die allgemeine Meinung. Wir waren nun schon fast 18 Jahre alt. Uns war auch klar, dass wir bald Soldat werden mussten. Die deutschen Truppen siegten noch an allen Fronten. Am 7. und 8. Dezember bekamen unsere Mitschüler des Jahrgangs 1924 den Stellungsbefehl. Die Hoffnung, wenigstens zu Weihnachten noch zu Hause zu sein, mussten wir aufgeben. Die wehrpflichtigen Jungen unseres Jahrganges 1924 wurden zu einer militärischen Ausbildung gedrillt. In  Friedenszeiten dauerte die Ausbildung zwei Jahre. Danach wurden sie als Reservisten entlassen. In den Kriegsjahren wurde diese Zeit, je nach Waffengattung, auf vier bzw. sechs Monate gekürzt. Zum äußersten Gehorsam wurden wir Jungen als Rekruten gedrillt. Trotz mehrfachem Drängen der Militärs hat sich keiner unseres Jahrgangs 1924 und später auch keiner unseres Schuljahrgangs 1925 zur SS gemeldet. Nur einige Jungen, welche ihre Berufsausbildung vorzeitig beendet hatten, wurden vor ihrer militärischen Ausbildung zum „Arbeitsdienst“ einberufen. Auch hier galt der Dienst nur der vormilitärischen Ausbildung. 14 Tage nach der Einberufung leisteten wir den „Fahneneid“. Dieser lautete: „Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Obersten Befehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen“. Derweil wir noch in den Kasernen den Drill überstehen mussten, standen unsere Ostarmeen im eisig kalten Winter 1942/43 ohne ausreichende Winterkleidung in schweren und aufopfernden Kämpfen gegen Kälte und Hunger vor Stalingrad. Durch die schweren Verluste unserer Armeen um Stalingrad kamen fast alle unseres Jahrgangs 1924 nach Beendigung der Rekrutenzeit an die Ostfront. Auch der Jahrgang 1925 unseres Schuljahrgangs kam ein halbes Jahr später an die Ostfront. Der Sommer 1943 brachte in der Kriegswende eine große Entscheidung. Deutsche Truppen waren auf allen Kriegsschauplätzen auf dem Rückzug. Nordafrika musste wegen Nachschubschwierigkeiten Ende März 1943 aufgegeben werden. An Frankreichs Westküste starteten am sechsten Juni 1944 die Alliierten eine erfolgreiche Invasion. Bomberverbände des Feindes zerstörten fast alle deutschen Städte durch Brand und Sprengbomben. Auch in Westernkotten fielen 1942 Brand- und Sprengbomben. Die Zivilbevölkerung musste leiden und große Entbehrungen auf sich nehmen.

Kriegsende

Der Einmarsch der amerikanischen Truppen in Westernkotten war am vierten April 1945 gegen 15.00 Uhr. Das ganze Dorf wurde nach der Einnahme von Amerikanern auf deutsche Soldaten und Waffen durchsucht. Hunderte russische Kriegsgefangene kamen in diesen Tagen aus Richtung Ruhrgebiet, um sich in den Osten abzusetzen. Diese hungrigen Gefangenen, die nun ohne Bewachung weiterzogen, waren eine große Gefahr für die Westernkötter Einwohner.

Sie plünderten, raubten und schlachteten alles, was für sie zum Lebensunterhalt nötig war. Diese Plünderungen zogen sich über einige Wochen hin. Die Bevölkerung war ihnen fast ohne Hilfe ausgesetzt. Die Männer waren doch noch an den Fronten oder waren schon in Gefangenschaft.

Fünf Wochen später, am achten Mai 1945, war der Krieg aus. Fünfeinhalb Jahre hatte der Zweite Weltkrieg gedauert. Unter großen Opfern in der ganzen Welt wurden 55 Millionen Menschenleben ausgelöscht. Besonders zu leiden hatte aber auch die Zivilbevölkerung unter Hunger und den Terrorangriffen der Luftwaffe, insbesondere in den Großstädten.

Wir hatten Frieden. Hatten wir wirklich Frieden? …

Nach unserer Kriegsgefangenschaft, die die meisten von uns durchstehen mussten, sind leider aus unserem Schuljahrgang nicht alle wiedergekommen. Wir trauern mit ihren Angehörigen um:

Franz Öffler, geb. am 18. Okt. 1924, gef. am 15. Sept. 1943

Theo Köneke, geb. am 3. März 1925, gef. am 18. Nov. 1944

Franz Bertelt, geb. am 11. Feb. 1925, gef. am 31. Jan. 1945

Franz Hesse, geb. am 24. Aug. 1924, gef. am 22. Apr. 1945

Sie starben im blühenden Alter. Keiner von ihnen hat das 20. Lebensjahr erreicht.