Martinsbrauchtum

Martinsbrauchtum in Bad Westernkotten

von Jan und Wolfgang Marcus, Bad Westernkotten

Allgemeines zum Heiligen Martin

Der heilige Martin von Tours gilt als beliebtester Heilige Europas. Und dies, obwohl er heidnische Eltern hatte. Vielleicht hat seine Beliebtheit auch damit zu tun, dass er der erste Heilige war, der nicht als Märtyrer starb. Martin wurde um das Jahr 316 in Ungarn als Sohn eines römischen Offiziers geboren. Nachdem er, genauso wie sein Vater, Soldat geworden war, trug sich jene allgemein bekannte Begebenheit zu, in der Martin in bitterster Winterkälte mit einem Bettler sein Gewand teilte und in der Nacht Christus sah und ihn rufen hörte: „Martinus, der noch nicht getauft ist, hat mich bekleidet.“ Dies beeindruckte Martin so sehr, dass er sich taufen ließ. Zwei Jahre später trat er aus dem Heer aus und ließ sich durch den hl. Hilarius von Poitiers in den Gotteslehren unterweisen. Durch sein frommes Büßerleben und seine Wundertaten beeindruckte er das Volk so sehr, dass es ihn 371 zum Bischof von Tours erwählte. Wie sehr er sich in seiner Bescheidenheit dagegen wehrte, wird in der Martinsgans-Legende beschrieben, in der er sich im Gänsestall versteckt und durch das Geschnatter der Gänse verraten wird.

Als Bischof gründete er 375 das Kloster Marmoutier bei Tours. In seinem Amt bemühte er sich hauptsächlich um die Überwindung des Heidentums. Am 8.November 397 starb Martin bei einer Visitationsreise in Candes.

Sein Grab, über dem im 5.Jh. eine Kapelle erbaut wurde,die später zur Abtei Saint-Martin erweitert wurde, war bis ins späte Mittelalter Wallfahrtsort und fränkisches Nationalheiligtum. Seine Reliquien wurden 1569 von den Hugenotten zerstört.

Das Backwerk (Brezel etc.) und andere Speisen, wie die Martinsgans, weisen zusammen mit Umzug und Lichtern darauf hin, dass der 11.11. der letzte Feiertag vor der bis etwa um das Jahr 800 üblichen, bußstrengen Adventszeit war. Deshalb aß und trank man an diesem Tag noch einmal ausgiebig. Mancherorts wird daher auch mit dem Karneval am 11.11. begonnen.

Martin wird häufig mit einem Bettler zu Füßen, auf einem weißen Pferd, einem roten Mantel, einer Gans zur Seite oder als Bischof mit Schwert dargestellt. Sankt Martin ist der Schutzpatron der Bettler, Schneider, Soldaten, Waffenschmiede und vieler Gewerbetreibender. Martin wurde ausserdem von Chlodwig zum Schutzpatron der fränkischen Könige erklärt. Der Martinstag war ursprünglich wichtiger Brauchs-, Rechts- und Wirtschaftstermin (u.a. zur Entlohnung des Gesindes).

[Angaben nach: Melchers, Erna und Hans, Das große Buch der Heiligen, Geschichte und Legende im Jahreslauf, München 1978, S.734-736; Lexikon für Theologie und Kirche]

 

 

 

Martinsbrauchtum in Bad Westernkotten

Bei der Auswertung der schriftlichen Quellen zu Sankt Martin in Bad Westernkotten ergab sich folgendes Bild:

  • Im Heimatbuch von 1987 finden sich auf der Seite 459 folgende Ausführungen zu Sankt Martin in Bad Westernkotten: „Am 11. November, auf Martini, wechselten die Knechte und Mägde ihren Dienst. Auch gab es den Lohn für das vergangene Jahr… Wie bereits schon vor Hunderten von Jahren wird bis heute die Pacht für die von Papenschen Ländereien in der hiesigen Feldflur zu Martini bezahlt.“
  • Weder in diesem Text noch im Heimatbuch von 1958 finden sich Hinweise auf einen Laternenumzug, ein Martinsspiel oder Martinsbrezel, wie wir sie von den heutigen Feierlichkeiten kennen.
  • Eine kurze Notiz findet sich dann aber in der Kirchenchronik für das Jahr 1984[Bd.II, S.18]:„Seit vielen Jahren wird auf St. Martin der Martinszug durchgeführt. In den letzten Jahren beginnt er mit einem Martinsspiel in der Kirche. Wie auch in der Kinderchristmesse, so gestaltet auch das Martinsspiel unsere Grundschule unter der Leitung des Hauptlehrers Ferber, wohnhaft in Bökenförde.“
  • In der Chronik des Kindergartens, 1921 bis 1962 von den Dernbacher Schwestern angelegt [vgl. Heimatblätter 1996, S.121ff] ist immer nur von Nikolaus- und Weihnachtsfeiern die Rede. Wahrscheinlich spielte Sankt Martin im Kindergartenprogramm in dieser Zeit keine so herausragende Rolle wie etwa das Nikolausfest.
  • Im Patriot taucht erstmals 1971 ein Hinweis auf einen Martinsumzug in Bad Westernkotten auf. Dort heißt es nur ganz knapp[Patriot v.9.11.1971]: „Bad Westernkotten. Der St.-Martins-Zug wird gemeinsam von Gemeinde, Kindergarten und Schule durchgeführt. Alle Teilnehmer treffen sich am Mittwoch , dem 11.11.,um 17.30 Uhr vor der neuen Schule.“
  • Für 1972 findet sich folgende Ankündigung [Patriot v.4.11.1972]: „Bad Westernkotten. Der St.-Martins-Zug beginnt um 18.30 Uhr an der neuen Schule. Es spielen der Spielmannszug Erwitte und die Musikkapelle Hellinghausen. Die Sicherung des Zuges übernimmt die freiwillige Feuerwehr.“

 

Nähere Angaben über die Anfänge eines Martinsspiels mit Laternenumzug und Martinsbrezeln für die ganze Gemeinde konnte uns dann Franz-Josef Koböken, Südwall 6, machen [in einem Gespräch am 28.9.97]:

„Etwa ab Mitte der 1960er Jahre hatte der Elisabeth-Kindergarten für die Kindergartenkinder einen kleinen Laternenumzug und die Verteilung von Brezeln organisiert. 1971 scheiterte das Vorhaben dann aber aus welchen Gründen auch immer, und so bestand die Gefahr, dass gar keine Martinsfeiern durchgeführt wurden. Da habe ich mich kurzfristig mit Schulleiter Josef Gunkel in Verbindung gesetzt, und wir haben zusammen mit dem Kindergarten den ersten großen Martinsumzug für Kindergarten- und Schulkinder – also für die ganze Gemeinde – auf die Beine gestellt. Ich weiß noch, dass wir ein Pferd für den Martin aus Soest besorgt haben. Und für das Gewand des Martin bin ich bis Ahlen gefahren. Das Leihen kostete 50 DM und damals noch 11 Prozent Mehrwertsteuer, das habe ich noch genau vor Augen. Das Geld für das Gewand hat Herr Gunkel aus seinen Verfügungsmitteln als Schulleiter bereitgestellt. Das Geld für die Brezel haben die damaligen Gemeinderatsmitglieder der Gemeindeversammlung Westernkotten von ihrem Sitzungsgeld bezahlt, alle 13.

Es gab allerdings in den ersten Jahren bei der kostenlosen Verteilung der Brezel Probleme, weil sich viele mehrfach bedienten. Daraufhin haben wir dann die Verteilung geändert: Erst zogen alle Teilnehmer in die Schützenhalle ein, konnten sich da noch ein kleines Martinsspiel ansehen, und beim Herausgehen verteilte die Feuerwehr dann die Brezel.

Als 1975 die selbständige Gemeinde Bad Westernkotten in die Stadt Erwitte überging, stand das Sitzungsgeld für die Brezel nicht mehr zur Verfügung. Für dieses Jahr habe ich dann eine „Kollekte“ während der Schützenversammlung durchgeführt, und der Schützenverein hat die Muskkapelle bezahlt.

Nach Rücksprache mit den Direktoren der Sparkasse Erwitte-Anröchte konnte ab 1976 erreicht werden, dass die Brezel von der Sparkasse bezahlt und kostenlos an die Kinder ausgeteilt wurden. Diese Großzügigkeit hat die Sparkasse meines Wissens bis weit in die 80er Jahre gezeigt. Die Musikkapelle in den ersten beiden Jahren war übrigens das Tambourkorps Erwitte, und danach hatten wir bis Ende der 80er Jahre immer die Hellinghäuser Kapelle zu Gast.“

Franz-Josef Koböken hat sich mehr als 10 Jahre für den Martinsumzug engagiert, zumeist zusammen mit der Schule.

 

Aus den seit 1987 erstellten Jahreschroniken sind folgende Angaben zu den Martinsfeierlichkeiten der letzten 10 Jahre zu entnehmen:

11.11.1987: Martinsspiel in der Kirche durch Schüler der Klasse 4a (Frau Tochtrop); anschließend Martinszug und Austeilen von Brezeln (von den Banken gestiftet) in der Volkshalle

10.11.1988: Martinsspiel durch die Pfadfinder, Laternenumzug unter Begleitung des Musikvereins Bad Westernkotten (erstmalig) und der Feuerwehr

10.11.1989: Martinsspiel der Jungpfadfinder in der Kirche, anschließend Martinsumzug unter Begleitung des Musikvereins und der Feuerwehr

9.11.1990: Martinsspiel und Martinsumzug. Über 400 Kinder und Eltern mit ihren bunten Laternen nehmen teil. Musikalische Begleitung durch das Tambourskorps und die Blaskapelle

11.11.1991: Martinsspiel in der Kirche, anschließend Umzug durch den Ort bis zum Schulhof, wo die Brezel verteilt werden; Veranstalter: Grundschule.

11.11.1992: Aufgrund eines orkanartigen Sturms mit Windstärken um 100 km/h und herabstürzenden Dachpfannen muß der Martinsumzug ausfallen. Das Martinsspiel, aufgeführt durch die Grundschule, findet aber in der Kirche statt. Die Brezel gibt’s dann gleich an der Kirchentür.

11.11.1993: Martinsfeierlichkeiten; Veranstalter: Grundschule im Zusammenwirken mit verschiedenen Gruppen; 500 Martinsbrezel verkauft. Das Martinsspiel wird erstmals vom Familiengottesdienstkreis der kfd durchgeführt.

11.11.1994: Martinsfeierlichkeiten unter der Regie der Astrid-Lindgren-Schulpflegschaft; ca. 300 Teilnehmer (geschätzt).

10.11.1995: Martinsumzug mit vielhundertfacher Beteiligung unter der Regie der Schule und der Kindergärten; den Martin spielt Cornelia Bracke.

11.11.1996: Martinsspiel und -umzug, veranstaltet von der Grundschule und den Kindergärten.

Möge auch in Zukunft dieses schöne Brauchtum in Bad Westernkotten gepflegt werden!