Kriegerverein, ehemaliger

Altes Protokollbuch des Westernkötter Krieger- und Landwehrvereins wieder aufgetaucht

von Wolfgang Marcus (Bad Westernkotten)

Vorbemerkung

Über den Westernkötter Krieger- und Landwehrverein ist im Heimatbuch von 1987 nur sehr wenig zusammengetragen worden, da kaum Unterlagen  vorhanden waren [vgl. dort S. 402/403]. Bereits in Nr. 52 von „Aus Kuotten düt un dat“ [im Erwitter Mitteilungsblatt 4/1993] konnte ich ergänzen, daß der Kriegerverein nicht 1906, sondern bereits vor 1883 gegründet wurde.

Umso erfreulicher war es, daß Herr Bruno Rieke, Salzstraße 4, den Heimatfreunden Bad Westernkotten im Juni 1996 ein altes Protokollbuch des Vereins überreichen konnte, das er selbst von der Gastwirtschaft Dietz erhalten hatte, wo es unter bzw. hinter der dortigen Bühne gefunden worden war. Das Protokollbuch ist nun im Stadtarchiv Erwitte deponiert worden, Herr Rieke hat eine Kopie der Texte erhalten.

 

Umfang des Protokollbuches

Das Protokollbuch umfaßt 91 beschriebene Seiten, die in Fadenheftung zusammengebunden sind. Es enthält die Protokolle der Mitgliederversammlungen und einzelner Feiern im Zeitraum von 1906 bis 1916, insgesamt 70 Protokolle. Dabei schwankt die jährliche Zahl erheblich: So sind etwa für 1906 und 1907 je dreizehn Protokolle zu finden, dagegen etwa für 1912 nur eins.

Im Protokollbuch einliegend finden sich zwei Mitgliederlisten, eine Beitragsliste, ein Versicherungsschein und ein Satzungsheftchen.

 

Die Gründung 1906 – eine Neugründung

Aus verschiedenen Protokollnotizen geht hervor, daß die Gründung von 1906 tatsächlich eine Neugründung war, auch wenn sie so ausdrücklich nicht genannt wird. So ist bei der 1. Versammlung am 18. März 1906 vom „provisorischen Vorsitzenden Franz Rieke“ die Rede; und noch deutlicher wurde unter dem 27.Mai 1906 beschlossen, „ den alten Veteranen und Mitgliedern des früheren Kriegervereins“ zu gestatten, „das Vereinszeichen des früheren Vereins weiter zu tragen und die etwa noch vorhandenen Abzeichen unentgeltlich an dieselben zu verabfolgen.“

 

Zu Beginn: Festigung durch Regularien

Ein tyypisch deutscher Verein, könnte man sagen, wenn man die ersten Seiten des Protokollbuchs liest: Wahl eines fünfköpfigen Vorstandes erweitert um vier Beisitzer, Beschlußfassung über Statuten, Wahl von „Rechnungs-Revisoren“ und eines „Vereinsboten“ (Josef Schrage), Anschaffung eines Handbuches für die deutschen Kriegervereine, Beitritt zum Kreisverband der Kriegervereine, Anschaffung von Vereinsmützen (vom Mützenmacher Knupp aus Lippstadt für 2,30 Mark pro Mütze) und Vereinsabzeichen (von der Firma Bernhard Richter, Cöln, für 0,40 M.), von Schleifen zum Vereinsabzeichen „in deutscher Farbe, schwarz, weiß, rot“ und Wahl eines Vereinslokals (Gaststätte der Witwe Dietz) standen auf der Tagesordnung der immer sonntags abgehaltenen Mitgliederversammlung.

 

Kontakte zum Erwitter Kriegerverein und zu anderen Nachbarvereinen

Am 1. und 2. Juli nahm der junge Verein mit 64 Kameraden an einer Feier des Erwitter Vereins „zugunsten eines Kriegerdenkmals daselbst“ teil. Zuvor nahm der Erwitter Vorstand unter seinem Vorsitzenden Amtmann Dr. jur. Hechelmann an einer Versammlung in Westernkotten teil.

Am Sonntag, dem 11. August 1907, marschierten die Vereinsmitglieder in großer Zahl zur Enthüllung des in Erwitte errichteten Kriegerdenkmals. Auch in den folgenden Jahren standen einzelne Besuche bei Nachbarvereinen an, so am 16.8.1908 beim Kriegerverein Horn, am 24.5.1908 beim Gardeverein in Lippstadt, am 29.6.1909 in Anröchte und am 10. August 1909 beim Artillerie-Verein Lippstadt. Am 29.6.1912 stand ein Ausflug zur Möhne an (21 Teilnehmer), am 21.7.1912 ein Besuch beim Fahnenweihfest in Overhagen (15 Teilnehmer), im Sommer 1914 ein Besuch in Geseke aus Anlaß des 40jährigen Bestehens und einer Fahnenweihe.

 

Kriegerfeste

Diese bildeten zusammen mit den Feiern aus Anlaß des Kaisergeburtstages in den ersten Jahren die jährlichen Höhepunkte im Vereinsleben. Für das erste Kriegerfest am 30.9.1906 wurden noch Schärpen in Rot und Weiß und Vereinsliederbücher bestellt. Am 23. September übten die Mitglieder den Parademarsch und wurden vom Vorstand ermahnt, die Häuser zu beflaggen und auf dem Fest anständiges Benehmen an den Tag zu legen. Zum Fest selber lautet  das Protokoll:“Heute feierte der Krieger- und Landwehrverein Westernkotten sein erstes Kriegerfest auf dem Schützenplatze unter zahlreicher Beteiligung der Kameraden des Kriegervereins Erwitte. Eröffnet wurde die Feier des Morgens um 11 Uhr durch Conzert, ausgeführt von 8 Musikern der Kapelle des 27. Infanterie-Regiments 158 aus Paderborn. Nachmittags 2 ½ Uhr stellte sich der Verein auf dem Festplatze auf und erwartete die Ankunft des Kriegervereins Erwitte. Nach Eintreffen desselben und Ankunft des Präses wurde der Festzug durch das Dorf gemacht. Anschließend hieran wurde der Parademarsch auf dem Festplatze ausgeführt. Hierauf wurde vom Präses des Vereins eine kurze Ansprache gehalten, welche vom Vorsitzenden des Erwitter Kriegervereins, Herrn Amtmann Dr. Hechelmann, erwidert wurde. Alsdann wurde der Tanz im Schützenzelt eröffnet. Gegen 6 Uhr nachmittags wurde vom Kameraden Rudolf Löper die Festrede gehalten. In klarer, verständlicher Weise schilderte selbiger das Wesen des Kriegervereins im allgemeinen und ermahnte die Kameraden, besonders treu zur Sache des Kriegervereins zu halten und Sorge zu tragen, daß der junge Verein wachsen, blühen und gedeihen möge. In gemütlicher Stimmung blieben die Kameraden bei Musik und Tanz bis gegen morgens vereint, ohne daß das Fest durch einen Mißton getrübt wurde.“

Für die Folgejahre ist fast jedes Jahr ein Kriegerfest nachzuweisen.

 

Feiern aus Anlaß des Geburtstags des Kaisers

Der Geburtstag Kaiser Wilhelms II. (27. Januar) bildete alljährlich neben dem Kriegerfest einen besonderen Höhepunkt. In insgesamt 4 Vesammlungen wurde das erste Fest hierzu am 27.1.1907 vorbereitet. Morgens um halb zehn stand die „Kirchenparade“ an, und nachmittags um halb fünf versammelte man sich bei Wiese (heute Kurhaus) zur gemütlichen Feier. Der Vorsitzende hielt eine Festansprache, es folgte die Aufführung einiger Theaterstücke („Bursche Johann oder Dummheit über Dummheit“ und „Die beiden Dämel“), das „Kaiserhoch“ und ein bunter Festball. In den folgenden Jahren ist auch dieses Fest fast regelmäßig veranstaltet worden, wobei immer wieder andere Kameraden als Festredner auftraten und auch das Lokal gewechselt wurde.

 

Häufig schlecht besuchte Versammlungen

Bereits 1907 und 1908 klagen die Verantwortlichen häufiger über schlecht besuchte Monatsversammlungen. „Es ist dies ein Umstand, der besonders hervorgehoben und gerügt werden muß und über den fast seitens sämtlicher Vereine geklagt wird.“ [S.66]

 

Fahnenweihe

Ein unzweifelhafter Höhepunkt im Leben des Vereins war sicherlich die Weihe einer eigenen Fahne, die nach viel Vorbereitung einschließlich einer ministeriellen Genehmigung Anfang 1909 bei der Firma Bernhard Richter, Cöln, für 441 Mark bestellt wurde. Bei der Wahl des Fähnrichs und der Fahnenoffiziere gab es deutliche Auseinandersetzungen, am 4.4.1909 wurden dann Heinrich Spiekermann als Fähnrich sowie Franz Adämmer und Heinrich Schröer als Fahnenoffiziere gewählt.

Das Fahnenweihfest fand am 22. und 23.5.1909 statt. Samstags gab es um 20 Uhr einen Zapfenstreich und anschließend gemütliches Beisammensein. „Sonntag, den 23.Mai, morgens nach dem Hochamt Konzert bei der Kirche, von da ab, Abmarsch zum Festplatze, Fortsetzung des Konzertes bis 12 ½ Uhr mittags. Von 12 Uhr an Abholen der 13 fremden Vereine durch die dazu bestimmten Kameraden. Nachmittags 2 Uhr Aufstellung der Vereine am Sammelplatz westlich des Ortes an der Landsbergischen Saline, von da ab Festzug durch den Ort mit Parademarsch vor dem Offizierkorps, den Ehrendamen und den Ehrengästen. Beim Eintreffen auf dem Festplatz Weihe der neuen Fahne durch den Kreis-Kriegerverbands-Vorsitzenden Herrn Major a.D. Haumann, Lippstadt. Sodann Parademarsch des Krieger- und Landwehrvereins Westernkotten vor der geweihten Fahne, Festrede und Ansprachen. Hierauf Konzert, kameradschaftliches Zusammensein und Ball.“

 

Neuer Vorsitzender

Am 2. April 1911 legte der „allverdiente Vorsitzende Franz Rieke infolge einer gegen ihn inserierten Hetze sein Amt als Vorsitzender nieder.“ Zum neuen Vorsitzenden wurde einstimmig Erbsälzer Rudolf Löper gewählt. Er stand auch 1916, in dem Jahr, in dem das Protokollbuch endet, noch dem Verein vor. 1912 hatte der Verein 86 Mitglieder, am 1.4.1914 waren es 91 und am 1.4.1915 insgesamt 89 Personen.

 

Beerdigungen von Vereinsmitgliedern

Neben der Teilnahme vieler Mitglieder sowie der Fahne bei Beerdigungen von Mitgliedern beschloß die Versammlung 1912, für verstorbene Veteranen am Grab ein Ehrensalut abzugeben. Ein besonders Sterbegeld kam bei jedem Todesfall zur Auszahlung. Bereits am 21.3.1909 war beschlossen worden, „denjenigen Kameraden, die Selbstmord begehen, diesselben Rechte zuzugestehen, die den aktiven Militärpersonen in diesem Falle gewährt werden.“

 

Kriegsbeginn und Betreuung der Frontsoldaten

Bereits im Mai 1914 wurde im Verein diskutiert, eine „Felddienstübung“ abzuhalten. Es scheint durchaus auch in Kreises des Kriegervereins mit einem möglichen Krieg gerechnet worden zu sein.

Besonders eindrucksvoll und aussagekräftig ist dann das Protokoll vom 2.8.1914, also unmittelbar nach der Mobilmachung. Darin heißt es, daß die Versammlung im Zeichen der Mobilmachung stand „und war wohl die denkwürdigste, die bis jetzt abgehalten worden ist. Nach Eröffnung derselben dankte der Vorsitzende Löper den Kameraden für ihr Erscheinen und wies in markiger Ansprache auf die Entfaltung und Ursache des kommenden Krieges hin. Er betonte besonders, daß Rußland es gewesen, welches durch seine Hetze und die Aufreizung in Serbien den Königsmord verursacht und auch jetzt durch seine weiteren Intrigen Deutschland zum Kriege gezwungen habe. Frankreich habe sich durch den Revanchegedanken und sein Bündnis mit Rußland  ebenfalls zum Kriege treiben lassen; und so sehen wir uns jetzt genötigt, den Krieg nach zwei Fronten zu führen. Den Bemühungen unseres friedliebenden Kaisers sei es nicht gelungen, dem Lande den Frieden zu erhalten, und so habe S. Majestät dann, in Anbetracht des Bündnisses mit Österreich, dem Rußland bereits den Krieg erklärt habe, am 1. August die Mobilmachung der gesamten deutschen Armee befohlen.“ Und das Protokoll fährt fort:“Ein brausendes Hurra auf S. Majestät, in das die gesamte Versammlung begeistert einstimmte, bewies, wie sehr alle Kameraden mit den Anordnungen S. Majestät einverstanden waren.

Hierauf richtete der 2. Vorsitzende Kamerad Lorenz Meyer wahrhaft erhebende Abschiedsworte an die einberufenen Kameraden, sie zum Gottvertrauen und treuer Pflichterfüllung  ermahnend und allen wünschend, daß sie dereinst gesund und sieggekrönt in die Heimat zurückkehren möchten.

Hierauf wurde das Lied „Es braust ein Ruf wie Donnerhall“ angestimmt, in das alle Kameraden, jung und alt, begeistert einstimmten. Im Namen der Kameraden dankte Kamerad August Möllers. Er versprach, daß alle Kameraden getreu ihre Pflicht erfüllen und erforderlichenfalls mit ihrem Leben dafür einstehen würden. Hierauf wurden noch mehrere patriotische und vaterländische Lieder gesungen und ein Fäßchen Bier auf Kosten der Vereinskasse für die scheidenden Kameraden gespendet. Sodann wurde noch beschlossen, den einberufenen Kameraden …mit der Vereinsfahne das Ehrengeleit bis zur Dorfgrenze zu geben. Die Fahne soll von den alten Veteranen getragen werden. Sodann wurde die Versammlung geschlossen.“

Mehr als die Hälfte der Vereinsmitglieder war fortan an der Front. Der Verein organisierte „Liebesgaben“ in Form von Paketsendungen, verlas in den nun seltener werdenden Versammlungen Karten und Briefe und mußte bereits 1914 und 1915 den Tod von fünf Kameraden „ auf dem Felde der Ehre“ verschmerzen.

 

Mitgliederliste des Krieger- und Landwehrvereins Westernkotten (1906): 87 Mitglieder  

 

Adämmer, Franz, Ackergehülfe

Broermann, Heinrich, Fabrikarbeiter Becker, Wilhelm, Fabrikarbeiter
Cramer, Konrad, Fabrikarb. Dabrock, Anton, Salinenarbeiter
Dabrock, Theodor, Landwirt Deimel, Heinrich, Landwirt
Dicke, Fritz, Fabrikarbeiter Dicke, Franz, Fabrikarb.
Dietz, Anton, Wirt Erdmann, Joseph, Landwirt
Erdmann, Heinr., Eisenbahner Fortmann, Fritz, Fabrikarbeiter
Feldewert, Fritz, Fabrikarb. Göbel, Franz, Landwirt
Gockel, Anton, Arbeiter Gerling, Anton, Fabrikarbeiter
Hasel, Franz, Maurer Hasel, Franz, Fabrikarbeiter
Hense, Franz, Salinenkontrolör Hense-Hinniger, Franz, Zimmerer
Hense-Göke, Franz, Schreiner Hense-Kochs, Franz, Schreiner
Hense, Lorenz, Schlosser Hense, Johannes, Fabrikarbeiter
Hermesmeier, Bernh., Tagelöhner Hilwerling, Rudolf, Fabrikarbeiter
Heithoff, Heinrich, Fabrikarb. Hoppe, Joseph, Landwirt
Jakobi, Johannes,  Landwirt Johannknecht, Engelbert, Bäcker
Kolodziecick, Wilhelm, Beamter Köhne, Karl, Anstreicher
Köhne, Rudolf, Fabrikarbeiter Koch, Karl, Fabrikarb.
Koböken, Franz, Fabrikarb. Löper, Rudolf, Landwirt
Klarhölter, Theodor, Fabrikarbeiter Meyer, Lorenz, Schuhmacher
Mersch, Josef, Maurer Militzer, Heinrich,  Maurer
Müller, Josef, Ackergehülfe Mücher, Johannes, Kaufmann
Mönnig, Heinrich, Gutsbesitzer Mönnig, Josef, Landwirt
Mergenmeier, Heinr., Landwirt Mergenmeier, Heinr., Fabrikarb.
Michel, Anton, Fabrikarb. Niggenaber, Theodor, Tagelöhner
Neugarten Albert, Handelsmann Mintert, Caspar, Schafhalter
Markoni, Theodor, Fabrikarbeiter Pieper, Franz, Landwirt
Pilk, Josef, Landwirt Pütz, Adolf, Arbeiter
Pütter, Anton, Salinenarbeiter Rieke, Franz, Landwirt
Risse, Josef, Zimmerer Risse, Wilhelm, Fabrikarbeiter
Rustige, Lorenz, Eisenbahner Schmidt, Franz, Arbeiter
Schrage, Josef, Agent Spiekermann, Wilhelm, Landwirt
Spiekermann, Engelbert, Landwirt Spiekermann, Josef,  Landwirt
Spiekermann, Wilhelm, Eisenbahner Spiekermann, Heinrich, Eisenbahner
Schütte, Anton, Landwirt Schütte, Jos.sen. , Landwirt
Schütte, Jos.jun. , Landwirt Senger, Josef, Heizer
Schröer, Adolf, Schäfer Schröer, Adolf,  Schäfer
Schröer, Jos., Fabrikarbeiter Schröer, Heinrich,  Fabrikarb.
Schröer, Theodor, Fabrikarbeiter Schwarzenberg, Jos., Landwirt
Schmitz, Heinr.,Tagelöhner Stange, Fritz, Schuhmacher
Schäfer, Johannes, Landwirt Schäfer, Caspar, Schmied
Schäfer, Ludwig,  Schmied Tigges, Carl, Bäcker
Siewert, Georg, Steuereinnehmer Westerfeld, Heinrich, Wegewärter
Westerfeld, Heinrich, Fabrikarbeiter Wiese, Wilhelm, Wirt